Von Mathias Greffrath

Bremen

Die Lage ist "verheerend". In der Bundesrepublik richten "destruktive Kräfte ... planmäßig ihre Aktivitäten auf die verschiedensten Wirtschaftszweige", sie erzeugen "wachsende Ratlosigkeit, öffentliches Mißbehagen und Schlimmeres". In "maßgebenden Stellungen ... gerade auch in den Medien unseres Landes" sitzen sie, die "Produzenten der öffentlichen Übellaunigkeit". Sie verfälschen Informationen, verfügen über "intelligente Kräfte... mit Verbindungen zu Sympathisanten, die fast jedes Vorhaben durchführen können". Eine perfekt organisierte Anti-Akw-Bewegung leidet nach der Fertigstellung der Atomkraftwerke an "Auftragsmangel", sucht nach neuen Zielen und findet sie im Wattenmeer, dort wo ein Konsortium der Firmen Texaco und Wintershall nach Off-shore-Öl bohrt.

Was wie die Manöverlage für eine Übung der Bereitschaftspolizei klingt, ist ernst gemeint. Im "Nationalpark Wattenmeer", dicht neben der Vogelschutzinsel Trischen, wo die Bundeswehr "Granattochtergeschosse" erprobt (siehe Seite 37), fördert seit einem Jahr die Deutsche Texaco Öl, zunächst in einem "Pilotprojekt" 200 000 Tonnen im Jahr. Die Bohrinsel Mittelplate I war von Anfang an umstritten, und heute würde die Regierung in Kiel das Projekt wohl kaum noch einmal genehmigen. 1985 wurde Mittelplate kurz von Umweltschützern besetzt, im vergangenen Sommer kam es zu bundesweiten Boykottaktionen gegen Texaco. In dieser Situation erbat der Ölkonzern von vier Werbeagenturen PR-Konzepte. Auf die renommierte Bremer Agentur Wächter verfiel man, weil sie lange Erfahrungen auf dem Energiemarkt vorweisen kann; "die Veba hat mich empfohlen", sagt Erich Wächter, aus dessen Feder die eingangs zitierte Lagebeurteilung stammt.

Energieprobleme sind in der Agentur Wächter Chefsache – "wegen ihrer Kompliziertheit". Aus seinem Ideenlabor kamen Anfang der achtziger Jahre die Anzeigen, auf denen uns der Zusammenhang von Brutkästen und Atomkraft gezeigt wurde ("Ja zum Leben. Ja zum Strom. Strom schützt Leben"). Aus diesen Erfahrungen der "beispiellosen Lehrzeit... durch unseren Einsatz im Bereich der Kernenergie" machte Erich Wächter der Deutschen Texaco einen Vorschlag. Für etwa 1.5 Millionen Mark wollte er, neben Anzeigen und Informationsblättern, eine flächendeckende Kampagne starten. Mit einem neuen Namen für die Bohrinsel sollte die Sympathie der Bevölkerung geweckt werden: "Wir... schlagen vor, das Pilotprojekt Delphin I zu nennen. Der Delphin ist intelligent, menschenfreundlich, ein wenig geheimnisvoll und begeistert Jugendliche und auch ältere Mitbürger." Wettbewerbe sollten an "Abenteuerlust, Mut, Zukunft, Schatzsuche undsoweiter" appellieren; der Journalist Heinz-Klaus Mertes (Report München), dessen Anti-Wallraff-Buch Erich Wächter an seine Anzeigenkunden verschickt hatte, sollte einen Tatsachenroman schreiben über den "dilemmahaften Zielkonflikt" zwischen Ölförderung und Umweltschutz und die "bessere Moral" derer, die ihn "mit den effizientesten Möglichkeiten der Technik" aushalten; das Buch "dürfte meines Erachtens nicht im ‚Eigenverlag‘ erscheinen ..., sondern im Wege eines normalen, etablierten Verlagshauses", es sollte "ergänzt werden durch ein filmisches Feature, so daß ein sich wechselseitig stützender Medienverbund entsteht".

Mit Comic-Heften ("Prüfen, ob auch eine Ingenieurin ins Spiel gebracht werden kann") wollte Wächter Jugendlichen ihr "falsches Gewissen" hinsichtlich der "Verantwortung für kommende Geschlechter" zurechtrücken, in Schulen sollte über die Farbgestaltung der Bohrinsel debattiert und auf Flugblättern die "Abwegigkeit" der Projektgegner angeklagt werden. Ziel: dem "einfachen Bürger" das Projekt "als ‚Wunderquelle‘ hinzustellen", als einen "Glücksfall, den man annehmen muß, denn dieses Land ist mit Rohstoffen immer zu kurz gekommen".

Aber nicht genug mit solchen Werbe-Ideen. Erich Wächter, der seinen Beruf liebt, weil er "die Lust am Problemlösen" befriedigt, "ganz unabhängig davon, um welches Problem es sich handelt", bot ein wahrhaft umfassendes Konzept. Ein riesiger "Doppelschutzring aus Schläuchen (in auffallenden Farben)" sollte "für den sehr unwahrscheinlichen Fall eines Ölausbruchs" die Ausbreitung des Öls im Watt verhindern und zugleich ein "Schutzwall" sein "gegen Boote, die von See aus die Insel angreifen wollen".