Hier tut’s weh, nicht?" fragt Waltraud Beul fröhlich, während sie hingebungsvoll die Ansätze meiner Zehen bearbeitet. "Das ist nämlich der Reflexpunkt für die Schulterpartie, die muß bei Ihnen ja fürchterlich verspannt sein." Ich nicke verdattert: Sie hat tatsächlich recht. Ziemlich skeptisch bin ich vor einer halben Stunde auf den Behandlungssessel gestiegen, und seitdem drückt und massiert, zupft und knetet Waltraud Beul an meinen Füßen herum, zählt mir meine zahllosen Zipperlein sozusagen an den Zehen auf. "Für die Nierchen müßten Sie auch mal was tun."

Fußreflexzonenmassagen gehören zum Gesundheitsprogramm, das sich die Pensionswirtin aus dem Westerwald für ihre Kundschaft ausgedacht hat. Im Angebot sind außerdem Kräuterteekuren, Kosmetikbehandlungen mit Naturprodukten und die Kartoffeldiät, deretwegen ich nach Homberg gekommen bin.

Viel mehr als die "Bio-, Gesundheits- und Schönheitsfarm" der gelernten Hauswirtschaftsmeisterin hat der winzige Flecken im Hohen Westerwald nicht vorzuweisen. Wenn nicht gerade Düsenjäger im Tiefflug über den Sommerhimmel schrammen, ist Homberg ein Hort von so vollkommener Stille, daß es manch einem sogar langweilig werden mag. Denn wer auf der Suche nach Zerstreuung das Dorf durchstreift, findet buchstäblich nichts: keine Kneipe, keine Kirche, kein Kino, weder Café noch Souvenirladen.

Man kommt also, so wie ich, ausschließlich wegen Waltraud Beuls Schönheitsfarm, die freilich, der Hinweis mag notwendig sein, nicht unbedingt eine Bleibe für Luxus-Ladies ist. Swimmingpool und Sauna sucht man vergeblich, das Appartement ist einfach eingerichtet, der Fernseher alt, die Tapeten zu bunt. Eine Unterkunft der einfacheren Kategorie also, Betreuung und Service indessen sind vom Feinsten. Das hat die Gastgeberin perfekt im Griff, die sich stets mit Feuereifer und Energie daran macht, ihre meist übergewichtigen und überarbeiteten Kunden auf Vordermann zu bringen.

Die meisten kommen, um in Ruhe abzuspecken. An Hüftrollen und dicken Backen trägt man im Zeitalter des Idealgewichts schließlich doppelt schwer. In derartigen Fällen setzt Waltraud Beul rigoros ihre Kartoffeldiät ein, animiert die Gäste zu täglichen Waldwanderungen und zum andauernden Trinken ihrer fein abgestimmten Kräutertees. Was sich zum Beispiel in meinem Fall bereits nach dem dritten Tag in Form von vier Pfund minus niederschlug. Entzückt stellte ich diesen Erfolg bei einer verschwiegenen Wiegeaktion fest, denn eigentlich wird es nicht gerne gesehen, wenn man während der Diätwoche auf die Waage steigt.

Meine Begeisterung über die neu errungene Leichtigkeit kann Waltraud Beul nun überhaupt nicht teilen, sie findet langsames Abspecken gesünder. "Zwei Kilo", sagt sie, "sind mir eigentlich ein bißchen viel in der kurzen Zeit. Sie verbrennen zu schnell." Mag sein, vielleicht aber ist auch der eigens für mich zusammengemischte, nierenanregende Tee der Grund oder das leckere leichte Essen, das keineswegs nach Verzicht und abgezählten Kalorien schmeckt.

Jeden Tag gibt es Kartoffeln, immer wieder anders zubereitet, damit’s nicht langweilig wird. Dazu Quark- oder Joghurtsaucen, frische Kräuter, viel Gemüse und etwas mageres Fleisch. Spinat und Salat, Blumenkohl und Möhren stammen ebenso aus dem eigenen Garten wie die Kartoffeln und sind weitgehend chemiefrei. Vom Tisch steht man immer ohne knurrenden Magen auf, und so stellen sich, wie bei vielen anderen Schlankheitskuren, Visionen von strammen Schweinebraten oder aufgetürmten Spaghettiportionen gar nicht erst ein.