So hab ich Kurt Weills Songs noch nicht gehört, so kühl, so rein, so gläsern. Wen immer ich von diesem Alabama-Mond singen hörte, es war Sehnsucht oder Vergeblichkeit, es waren Begierden im Spiel oder die Trance derer, die über all dies hinaus sind. Es hatte aber noch immer mit Menschenleben zu tun, dies "I teil you, we must die..." Und nun das: ein Kunstmond, schön und bleich und ewig.

Wenn Ute Lemper diesen Mond besingt, bleibt die Zeit stehen, weil nichts mehr zu wünschen und zu hoffen ist. Ihre Stimme ist auf eine Weise kristallen und sanft, daß einem das Blut in den Adern gerinnt, aber wohlig. Und das Gestirn, das frühere Generationen angeheult haben oder angebetet, der Wonnemond, der bleiche Todesmond – so, wie sie ihn besingt, ist er eine Scheibe Milchglas in raffinierter Beleuchtung, makellose, pure Kunst-Kunst.

In einem Konzert in der Berliner Philharmonie versuchte Ute Lemper singend und conferierend ihre Kurt-Weill-Begeisterung weiterzugeben. Wenn sie zwischen den Songs von Kurt Weill erzählt, dann mit dem Charme einer versierten Fernsehansagerin. Und wie sollte es anders sein – Ute Lemper ist fünfundzwanzig Jahre alt; es muß schülerhaft wirken, wenn sie erzählt, wie "die Nacht des Faschismus über Deutschland einkehrte". Sie singt Weill völlig "unbescholten", jemand, der in einer vergleichsweise langen europäischen Friedensperiode geboren und hineingewachsen ist in die Zeiten des reinen Als-ob. Immer ist sie schön, immer trifft sie den richtigen Ton. An den ernsten Stellen kann sie auch recht ernst sein, wobei man dann allerdings nicht mehr weiß, weshalb man ihr zuschauen und zuhören soll.

Die Weillsche Bittersüße, hier ist sie nicht bitter noch süß, sie hat alles Gewicht verloren. Vorsicht, Glas! Handle with care! Und so gelingt Ute Lemper das Schwerelose hervorragend – das "J’attends un navire" aus Marie Galante.

Wo sie aber Kraft braucht und Schärfe oder eben: Herz, da wird die Stimme flach und eng, da spürt man die vergebliche Anstrengung. Was allzu hart gesetzt ist, verschleift sie in der Art ihres Schlagergesanges. Ihr Weill ist süffig, aber nicht mehr süffisant. Es ist ein zeitgemäßer, postmoderner Weill, den sie vorträgt. Nur das Orchester konnte es ihr in "keimfreier" Durchsichtigkeit noch nicht gleichtun.

Martin Ahrends