Von Mathias Greffrath

Im Sommerloch wird über das Grundsätzliche nachgedacht. Die Leitartikel handeln von Wasser, Luft und Erde, von Kälbern und von Robben. Weit weg von Bonn und allen Redaktionen schauen wir ans Firmament; und auch in den Kulturzeitschriften bleibt der Blick bei den ganz großen Fragen hängen.

Zum Beispiel: In welcher Epoche leben wir eigentlich? In der Sozialen Welt versucht Johannes Berger die Frage, ob es "die Postmoderne" überhaupt schon gibt, mit den Mitteln der Gesellschaftstheorie zu klären. Die soziologischen Klassiker, Tönnies, Dürkheim, Simmel und Weber, aber auch Comte und Marx, haben die moderne, industrielle, kapitalistische Gesellschaft als eine welthistorisch neue, aber prekäre und instabile Formation begriffen. Die Grundzüge dieser Gesellschaft (die Abtrennung von Uberlieferung und Tradition – und damit der Zwang, alles Handeln selbst und neu zu begründen; die Zerlegung ehemals ganzheitlicher Prozesse und Lebensformen in viele gesellschaftliche Subsysteme; schließlich die Rationalisierung und Leistungssteigerung dieser Teilsysteme) schaffen Instabilitäten und Sinndefizite. Diese sind keine Pannen des Systems, sondern regelmäßiges Resultat seines "richtigen" Funktionierens.

Die bürgerliche soziologische Tradition fand vor allem eine Lösung für dieses Problem: die "Wiedereinführung der Vergangenheit in die Gegenwart": die Stärkung von autoritätsverbürgenden und sinnstiftenden, vorbürgerlichen Institutionen wie Familie, Kirche und Staat. Marxens Revolutionstheorie sah einen Ausweg nach vorn: die Selbstzerstörung der kapitalistischen Gesellschaft werde die Bedingungen für einen Zustand schaffen, in dem die Produzenten den Stoffwechsel mit der Natur selbstbewußt regeln, statt ihn der Anarchie des Marktes zu überlassen.

Heute leben wir in einer verschärften Situation: Während die soziologischen Klassiker nur die Selbstgefährdung der Gesellschaft durch Ungleichheit, Instabilität und den Verbrauch ideologischer Bindemittel und moralischer Bestände – also innergesellschaftlicher Ressourcen – sahen, sehen wir heute, daß die ungeheure Dynamik des Industriesystems die äußeren, natürlichen Grundlagen der Gesellschaft zerstört. Berger bezweifelt, daß allein, diese Erkenntnis schon eine neue Epoche begründet. Neue gesellschaftliche Strukturen sind nicht zu sehen, und schon gar nicht kann die ironisch gebrochene, anything-goes-Spielart des postmodernen Bewußtseins, der Abschied von der Rationalität, die "sehr weitgehende Behauptung eines Strukturbruchs tragen". In der Tat befördert sie ja eher das steuerungslose Weiterwursteln.

Keine Postmoderne also, wohl aber eine Spätzeit. Geschwunden der Glaube, die Gesellschaft könne sich selbst regeln; und auch der andere, man könne durch ein "bewußtes Eingreifen an den Fehlerquellen des Gesellschaftsapparates" dessen Krisen lindern und beseitigen. Wie also die "Drittwirkung" des Industrialismus beherrschen? Wie die – letalen – Auswirkungen des Gesellschaftssystems auf die umgebende Natur regeln? Staatlich steuern? Stoisch resignieren? Oder auf "Prinzip Verantwortung", auf "Selbstbeschränkung" oder "Reflexion" setzen, also auf moralische Aufschwünge – vieler einzelner? – Neben Bergers Überlegungen enthält die Soziale Welt Aufsätze über das ökologische Bewußtsein von Industriearbeitern und die Unangemessenheit des herrschenden Rechtssystems an die Risiken später Industriegesellschaften.

Bürokratien im Gefahrenschock