Von Rolf Michaelis

Jetzt können wir die drei Silben BKA auch anders entziffern. Wer bisher nur an das Bundeskriminalamt in Wiesbaden gedacht hat, mag aufatmen. Vom 28. August 1988 an darf BKA auch so gelesen werden: Berliner Kleist-Ausgabe.

Daß ausgerechnet am 239. Geburtstag Goethes, der Kleist gar nicht schätzte, die Buchstabenfolge BKA in eine Chiffre für moderne Klassik und literarische Lebenskraft verwandelt wird, läßt einen kritisch-witzigen Kopf hinter dieser Unternehmung vermuten. K. D. Wolff, der Verleger der BKA, war in den sechziger Jahren Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Die denkfaul gewordene SPD verstieß ihre unruhige Jugendorganisation damals rasch – und verlor mit einer ganzen Generation später auch die Regierung.

Der gebildete Vielleser K. D. Wolff hat Neugier und kritische Skepsis 1970 als Grundkapital eingebracht in den von ihm gegründeten Verlag Stroemfeld/Roter Stern. Bald zeigte sich, daß solcher Zweifel im Verlagswesen mehr wert ist als bloß der Biedermann-Glaube an wachsende Umsätze. Denn wird da oft mehr produziert als Altpapier in Form von Neuerscheinungen? K. D. Wolff hatte 1975 den Mut, einem Außenseiter das Wagnis einer neuen Hölderlin-Ausgabe anzuvertrauen. Noch war Friedrich Beißners monumentale "Stuttgarter Ausgabe" nicht abgeschlossen, da begann der von Hölderlin faszinierte, nimmersatte Leser D. E. Sattler, der mit der neuen Technik des Computersatzes zu arbeiten verstand, seine "Frankfurter Ausgabe".

Aufstöhnten die Germanisten. Wie war’s im Seminar vordem mit Kommazählen so bequem. Nun kam einer mit nichts als dem unstillbaren Verlangen, alles über Hölderlin und seine schwer zu entziffernden Manuskripte wissen und anderen mit Hilfe neuer Druckverfahren mitteilen zu wollen – durchaus mit Hölderlins Sehnsucht: "daß ein Gespräch wir sind und hören können voneinander".

Auch wenn sie von ihm nichts hören wollten, lesen und zitieren müssen sie ihn. Sattler hat auf einer von der Universität Bremen geschaffenen Forschungsstelle Hölderlins Texte in einer mustergültigen Edition fast schon vollständig herausgegeben, ohne daß dadurch die Arbeit so hervorragender Meister der Entzifferung und Erklärung wie Norbert von Hellingrath oder Friedrich Beißner überflüssig oder verkleinert worden ist.

Jetzt nötigt der Verlag Stroemfeld/Roter Stern die beamteten Germanisten, die sich seit Jahrzehnten mit viel Fleiß und Steuergeld um eine Kleist-Ausgabe bemühen, ohne bisher mehr als Kollegen-Schelte und gute Vorsätze hervorgebracht zu haben (Klaus Kanzog: "Prolegomena zu einer historisch-kritischen Ausgabe der Werke Heinrich von Kleists – Theorie und Praxis einer modernen Klassiker-Edition", München 1970), wieder zum Staunen. Sind es doch zwei junge, als Wissenschaftler kaum "ausgewiesene" Forscher, die sich erdreisten, nach gründlichen Vorarbeiten – was bei ihrer Jugend nur heißen kann: aus dem Stand – nicht eine, sondern überhaupt die erste kritische Edition sämtlicher Texte Kleists nach Wortlaut, Orthographie und Zeichensetzung aller erhaltenen Handschriften und Drucke herauszugeben.