Von Michael Haller

Jeden Mittag gegen 12 Uhr schlendern 15 junge Leute in Düsseldorf zum Gesundheitsamt. Sie verschwinden in einem mit Alarmanlagen und Sicherheitsglas abgeschotteten Raum, beantworten dort ein paar Fragen, trinken dann aus kleinen Bechern eine milchige Flüssigkeit, schwatzen mit dem Mann im weißen Kittel, der ihnen beim Trinken zugesehen hat, einige lockere Worte, verqualmen noch ein paar Zigaretten und verschwinden dann wieder.

Die 15 Leute sind drogensüchtig, mehrere von ihnen auch noch mit dem Aids-Virus HIV infiziert. Sie marschieren täglich zum Gesundheitsamt, weil ihnen dort der Staat seitdem 22. März das in Wasser gelöste Rauschgift kostenlos verabreicht: Die Männer und Frauen nehmen am ersten und einzigen Versuch in der Bundesrepublik teil, Drogenabhängige ganz offiziell mit dem künstlichen Opiat Methadon zu versorgen, um sie von der Fixernadel und damit von der Drogenszene wegzubringen. "Mir hat Methadon das Leben gerettet", sagt die 23jährige Ingrid, die seit sieben Jahren fixt, die auf den Strich gehen mußte, um sich die täglich 600 Mark für den Stoff zu beschaffen, und die nun auch noch HIV-infiziert ist. Ihre bisherigen Versuche, über Therapien vom Heroin wegzukommen, empfindet sie als "total entwürdigend". Jetzt sieht sie wieder eine Chance, ins normale Leben zurückzukehren.

Erst nach heftigen Kämpfen, gegen die Einwände vieler Politiker, der Drogenberater und Ärztekammern brachte der nordrhein-westfälische Arbeits- und Sozialminister Hermann Heinemann im Juli vorigen Jahres seinen Regierungschef Johannes Rau dazu, dem auf fünf Jahre angelegten "Modellversuch Methadon" zuzustimmen. Das künstliche Opiat fällt unter das Betäubungsmittelgesetz und darf von den Ärzten nur in begründeten Einzelfällen als Schmerzmittel verordnet werden. Heinemann damals: "Viele Drogenabhängige werden von den bestehenden Angeboten der Drogenhilfe überhaupt nicht erreicht", weil stets die Abkehr vom Rauschgift verlangt, aber von den meisten Fixern nicht zuwege gebracht werde. Wenn nun viele Junkies vom Heroin herunterwollen, es aber nicht schaffen, "clean" zu werden, dann müsse man ihnen mit der Kunstdroge Methadon – in der Bundesrepublik von der Firma Hoechst unter dem Markennamen L-Polamidon produziert – den Ausstieg ermöglichen. Abgabebedingung: Mindestalter 22 Jahre sowie der Nachweis, daß Abstinenztherapien mindestens zweimal über längere Zeit versucht worden sind. Aids-infizierte Süchtige sollen schon ab 18 Jahren mit dabeisein dürfen.

Es dauerte noch ein dreiviertel Jahr, bis in Düsseldorf, dann in Essen und nun, seit Ende Mai, auch in Bochum das Methadon-Programm mit derzeit 28 Klienten gestartet werden konnte. Seither ist die Republik gespalten: Das eine Lager feiert das künstliche Opiat, als sei es erst gestern erfunden worden und als könne es unser quälendes Drogenproblem auf einen Schlag lösen. Die Argumente sind denn auch schlagend: Die unter Kontrolle oral verabreichte Ersatzdroge nimmt den Fixer von der Nadel und mindert so das Aids-Risiko; wenn der Süchtige den Stoff als Medikament kostenfrei erhält, geht auch die Beschaffungskriminalität zurück; zudem findet er endlich die Zeit, um zum geordneten Leben zurückzukehren; und schließlich ist die Methadonabgabe volkswirtschaftlich rentabel, weil weniger straffällig und auch weniger Schäden angerichtet werden.

Das andere Lager schüttelt kollektiv den Kopf vor Entsetzen und fragt pikiert, seit wann der Staat den Auftrag habe, die Bevölkerung mit Opium zu versorgen, sie also auch zu ruinieren. Karl-Ludwig Täschner, Direktor der Psychiatrischen Klinik des Stuttgarter Bürgerhospitals, raffte die Skepsis vieler Drogentherapeuten im Deutschen Ärzteblatt in die Formel: "Abstinenz ist nicht das Ziel, sondern die Basis jeder Suchtbehandlung." Ergo sei jedes Methadon-Konzept im Prinzip falsch, weil es die Drogensucht nicht abschaffe, sondern verlängere, sie wegen steigender Abhängigkeit vielleicht sogar verstärke. Er habe Angst, daß aufgrund der Methadonabgabe "letztlich nicht weniger, sondern noch mehr Drogensüchtige sterben", gab Wolfgang Winkler, Drogenbeauftragter des Landes Hessen, zu bedenken: Viele Abhängige würden zum Methadon zusätzliche Rauschgifte nehmen, weil die Ersatzdroge allein "keinen Kick bringt". Der Wiener Neurologe und Psychiater Günter Pernhaupt polemisiert: Staatliche Methadonabgabe sei letztlich "ein großangelegter Rattenversuch auf menschlicher Basis". Konsterniert fragt er: "Glaubt denn wirklich noch irgend jemand daran, daß man Gift durch Gift ersetzen kann?"

Die Front verläuft quer durch Parteien und Verbände, auf beiden Seiten gibt es Linke und Rechte, Progressive und Konservative. Es ist ein Streit um Grundsätze: Es geht um die Rolle des einzelnen in der Gesellschaft, darum, wieviel ihm abverlangt werden kann und darf – und wie weit die Mitverantwortung der Gemeinschaft am Los des einzelnen eigentlich reicht.