Opium fürs Volk

Von Michael Haller

Jeden Mittag gegen 12 Uhr schlendern 15 junge Leute in Düsseldorf zum Gesundheitsamt. Sie verschwinden in einem mit Alarmanlagen und Sicherheitsglas abgeschotteten Raum, beantworten dort ein paar Fragen, trinken dann aus kleinen Bechern eine milchige Flüssigkeit, schwatzen mit dem Mann im weißen Kittel, der ihnen beim Trinken zugesehen hat, einige lockere Worte, verqualmen noch ein paar Zigaretten und verschwinden dann wieder.

Die 15 Leute sind drogensüchtig, mehrere von ihnen auch noch mit dem Aids-Virus HIV infiziert. Sie marschieren täglich zum Gesundheitsamt, weil ihnen dort der Staat seitdem 22. März das in Wasser gelöste Rauschgift kostenlos verabreicht: Die Männer und Frauen nehmen am ersten und einzigen Versuch in der Bundesrepublik teil, Drogenabhängige ganz offiziell mit dem künstlichen Opiat Methadon zu versorgen, um sie von der Fixernadel und damit von der Drogenszene wegzubringen. "Mir hat Methadon das Leben gerettet", sagt die 23jährige Ingrid, die seit sieben Jahren fixt, die auf den Strich gehen mußte, um sich die täglich 600 Mark für den Stoff zu beschaffen, und die nun auch noch HIV-infiziert ist. Ihre bisherigen Versuche, über Therapien vom Heroin wegzukommen, empfindet sie als "total entwürdigend". Jetzt sieht sie wieder eine Chance, ins normale Leben zurückzukehren.

Erst nach heftigen Kämpfen, gegen die Einwände vieler Politiker, der Drogenberater und Ärztekammern brachte der nordrhein-westfälische Arbeits- und Sozialminister Hermann Heinemann im Juli vorigen Jahres seinen Regierungschef Johannes Rau dazu, dem auf fünf Jahre angelegten "Modellversuch Methadon" zuzustimmen. Das künstliche Opiat fällt unter das Betäubungsmittelgesetz und darf von den Ärzten nur in begründeten Einzelfällen als Schmerzmittel verordnet werden. Heinemann damals: "Viele Drogenabhängige werden von den bestehenden Angeboten der Drogenhilfe überhaupt nicht erreicht", weil stets die Abkehr vom Rauschgift verlangt, aber von den meisten Fixern nicht zuwege gebracht werde. Wenn nun viele Junkies vom Heroin herunterwollen, es aber nicht schaffen, "clean" zu werden, dann müsse man ihnen mit der Kunstdroge Methadon – in der Bundesrepublik von der Firma Hoechst unter dem Markennamen L-Polamidon produziert – den Ausstieg ermöglichen. Abgabebedingung: Mindestalter 22 Jahre sowie der Nachweis, daß Abstinenztherapien mindestens zweimal über längere Zeit versucht worden sind. Aids-infizierte Süchtige sollen schon ab 18 Jahren mit dabeisein dürfen.

Es dauerte noch ein dreiviertel Jahr, bis in Düsseldorf, dann in Essen und nun, seit Ende Mai, auch in Bochum das Methadon-Programm mit derzeit 28 Klienten gestartet werden konnte. Seither ist die Republik gespalten: Das eine Lager feiert das künstliche Opiat, als sei es erst gestern erfunden worden und als könne es unser quälendes Drogenproblem auf einen Schlag lösen. Die Argumente sind denn auch schlagend: Die unter Kontrolle oral verabreichte Ersatzdroge nimmt den Fixer von der Nadel und mindert so das Aids-Risiko; wenn der Süchtige den Stoff als Medikament kostenfrei erhält, geht auch die Beschaffungskriminalität zurück; zudem findet er endlich die Zeit, um zum geordneten Leben zurückzukehren; und schließlich ist die Methadonabgabe volkswirtschaftlich rentabel, weil weniger straffällig und auch weniger Schäden angerichtet werden.

Das andere Lager schüttelt kollektiv den Kopf vor Entsetzen und fragt pikiert, seit wann der Staat den Auftrag habe, die Bevölkerung mit Opium zu versorgen, sie also auch zu ruinieren. Karl-Ludwig Täschner, Direktor der Psychiatrischen Klinik des Stuttgarter Bürgerhospitals, raffte die Skepsis vieler Drogentherapeuten im Deutschen Ärzteblatt in die Formel: "Abstinenz ist nicht das Ziel, sondern die Basis jeder Suchtbehandlung." Ergo sei jedes Methadon-Konzept im Prinzip falsch, weil es die Drogensucht nicht abschaffe, sondern verlängere, sie wegen steigender Abhängigkeit vielleicht sogar verstärke. Er habe Angst, daß aufgrund der Methadonabgabe "letztlich nicht weniger, sondern noch mehr Drogensüchtige sterben", gab Wolfgang Winkler, Drogenbeauftragter des Landes Hessen, zu bedenken: Viele Abhängige würden zum Methadon zusätzliche Rauschgifte nehmen, weil die Ersatzdroge allein "keinen Kick bringt". Der Wiener Neurologe und Psychiater Günter Pernhaupt polemisiert: Staatliche Methadonabgabe sei letztlich "ein großangelegter Rattenversuch auf menschlicher Basis". Konsterniert fragt er: "Glaubt denn wirklich noch irgend jemand daran, daß man Gift durch Gift ersetzen kann?"

Die Front verläuft quer durch Parteien und Verbände, auf beiden Seiten gibt es Linke und Rechte, Progressive und Konservative. Es ist ein Streit um Grundsätze: Es geht um die Rolle des einzelnen in der Gesellschaft, darum, wieviel ihm abverlangt werden kann und darf – und wie weit die Mitverantwortung der Gemeinschaft am Los des einzelnen eigentlich reicht.

Opium fürs Volk

Wie kaum je eine andere Randgruppe bieten sich die Heroinsüchtigen für diesen Grundsatzstreit an. Der Fixer ist in den vergangenen zehn Jahren für die Bürgerwelt zum Sinnbild des dumpfen Verweigerers geworden, der das Leben unerträglich findet und in der Konkurrenzgesellschaft nicht mehr mitzuhalten vermag – und der mit seiner schrecklichen Gier nach der lähmenden Droge gleichwohl ein Konsument par excellence, ein ins Absurde gesteigertes Symbol der Konsumgesellschaft ist. Aber nicht nur dies: Das verschlossene Elend des Heroinsüchtigen, der sich einsam auf der Parkbank windet oder der verkrümmt in der Bahnhofstoilette aufgefunden wird, zwingt zur Stellungnahme. Soll jeder das Recht auf Sucht, also freien Zugang zu Drogen haben, sich unter Umständen kaputtmachen dürfen bis zum Exitus – oder handelt es sich um einen gepeinigten Kranken, dem helfend beizuspringen ein Gebot der Menschlichkeit ist? Die Idee, den Süchtigen mit der Ersatzdroge zu helfen, ist gerade darum so verführerisch, weil sie vorgibt, beides zu bieten: als Suchtmittel den freien Drogenzugang – und als Medikament den Einstieg in die Therapie. Also das Ei des Kolumbus – oder doch nur eine Illusion?

Die Deutschen wollen die Gefahr nicht sehen", orakelte das Allensbach-Institut vor drei Jahren über das neue Drogenproblem. In der Sprache der Allensbach-Chefin Noelle-Neumann: "Es ist, als ob Entwarnung gegeben wird, und in Wirklichkeit geht der Fliegerangriff weiter." Damals bekannten immerhin zwölf Prozent der Bevölkerung, im Verwandten- oder Bekanntenkreis miterlebt zu haben, wie jemand unter 25 Jahren durch Rauschgift "krank und süchtig wurde".

4000 Konsumenten illegaler Drogen wurden 1986 erstmals polizeiauffällig ("Erstkonsumenten"), im Folgejahr bereits 4800; in diesem Jahr werden rund 5200 Neukonsumenten von der Polizei registriert werden: ein Indiz, daß sich die Drogenszene – nach Jahren der Stagnation – wieder rasant ausweitet (siehe Graphik). Drogenfahnder der Landeskriminalämter nehmen an, daß die Polizei nur jeden dritten "Erstkonsument" erfaßt, daß also allein in diesem Jahr eine Population in der Größenordnung einer Kleinstadt neu rauschgiftsüchtig wird – zusätzlich zu den vermutlich rund 100 000 Fixern, die in Westdeutschland schon seit Jahren an der Nadel hängen (weitere rund 400 000, schätzen verschiedene Drogenhelfer übereinstimmend, nehmen nur gelegentlich harte Drogen; sie sind vielleicht abhängig, aber nicht im strengen Sinne süchtig).

Einer Umfrage des Hamburger Gewis-Instituts zufolge erklärte jeder vierte Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, schon mal illegale Drogen genommen zu haben. In den Großstädten würden bereits zehn Prozent der Jugendlichen – das wären gegen 300 000 – regelmäßig illegale Drogen konsumieren, glaubt der Hamburger Drogenberater Hubert Hohmann.

Wieviele Drogenkonsumenten pro Jahr an ihrer Sucht sterben, ist unklar. Zu den in der Bundesrepublik von Januar bis Ende Juli gerichtsmedizinisch identifizierten 323 Drogentoten könne man die doppelte Zahl hinzurechnen, sagen verschiedene Ärzte übereinstimmend: Manche der Dogenabhängigen sterben an den Vergiftungen durch beigemischte Substanzen, andere an Infektionskrankheiten, die sie sich beim "Drücken" mit unsauberen Spritzen geholt haben; viele bringen sich in ihrer Verzweiflung um.

Und Heilungen? Die Bilanz nach 15 Jahren Drogentherapie ist niederschmetternd. Optimisten unter den Drogenberatern schätzen, daß pro Jahr vielleicht fünf Prozent der Altfixer – nach mehreren Rückfällen – vom Heroin endgültig wegkommen; Pessimisten glauben bestenfalls an zwei Prozent; und die hätten es vielleicht auch ganz allein geschafft.

Vergleicht man Neuzugänge und Abgänge, dann ergibt die Drogenbilanz, daß derzeit das Heer der Heroinfixer jährlich um vermutlich 5000 Süchtige anschwillt, die Abhängigen anderer illegaler Drogen, allen voran Kokain, nicht mitgerechnet. Für diesen Trend spricht auch die ansteigende Menge Rauschgift, die von den Drogenfahndern beschlagnahmt wird. 1986 hat die Polizei 157 Kilo bestes Heroin konfisziert; 1988 wird es voraussichtlich mehr als eine halbe Tonne sein – genug, um zwei Millionen Portionen im Gegenwert von 50 Millionen Mark unter die Verbraucher zu bringen (siehe Graphik).

Opium fürs Volk

Die Zunahme des beschlagnahmten Stoffes geht nicht nur auf raffiniertere Fahndungsmethoden zurück, sondern ist ein Indiz, daß immer mehr Rauschgift über die Grenzen geschmuggelt wird. Denn je härter die Kontrollen, umso ausgeklügelter die Verstecke. So gibt das Bundeskriminalamt in Wiesbaden offen zu, daß höchstens ein Zehntel des Imports gefunden werde. Das bedeutet: Allein in diesem Jahr wird Westeuropa mit Heroin im Verkaufswert von rund 30 Milliarden Mark überflutet, ein Viertel davon wird in der Bundesrepublik abgesetzt. Noch dramatischere Zahlen hält der Rauschgift-Spezialist Günter Speckmann von der Oberfinanzdirektion Hamburg bereit: 13 Tonnen Heroin würden sich in diesem Jahr bundesdeutsche Fixer in ihre Venen spritzen und dafür 15 Milliarden Mark ausgeben.

Tag für Tag braucht ein "H"-Süchtiger zwischen 400 und 700 Mark, um sich seine Ration für 24 Stunden, ein bis eineinhalb Gramm Heroin, auf dem Schwarzmarkt zu beschaffen. Folgerichtig steigen mit dem Heer der Fixer auch die Delikte zur Drogenbeschaffung: Diebstahl, Einbruch, Raub. Kaum ein Großstadtbewohner, in dessen Bekanntenkreis nicht Autos auf- oder in Wohnungen eingebrochen wurde. Die Länderpolizeien können nurmehr registrieren, zur Strafverfolgung fehlt ihnen das Personal. "Um die Sicherheit des Bürgers aufrechtzuerhalten", sagt ein Beamter des Münchner Landeskriminalamtes, "müßte an jeder Straßenecke ein Zivilfahnder stehen." Der Polizeistaat wäre dann Realität.

Erst dieser tagtägliche Ärger mit den Drogendelikten hat die Bürger aufgeschreckt: Der Fliegerangriff geht tatsächlich weiter. Für die etablierte Gesellschaft ist nun das Drogenproblem erst recht bedrohlich geworden, seitdem bekannt ist, daß auch Aids-infizierte Fixerinnen für die Beschaffung des Drogengeldes auf den Strich gehen, ihre Ansteckung verschweigen und, wenn verlangt, ohne Präservativ zu Diensten stehen.

Inzwischen sei mindestens jede vierte Fixerin HIV-positiv, heißt es in Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg. Im Durchschnitt würde eine "Beschaffungsprostituierte" sechs Freier am Tag bedienen, darunter nur wenige Stammkunden, sagen Beamte der Frankfurter Schutzpolizeiinspektion, "das Ansteckungsrisiko für Gelegenheitskunden ist groß." Die Ambulanz der Frankfurter Universitätsklinik etwa betreut allein derzeit 71 HlV-infizierte Prostituierte. Das sind 4260 Kundenkontakte in zehn Tagen.

Die Sorge, daß geachtete Bürger und Familienväter unversehens die Aids-Krankheit ins geordnete Bürgerleben einschleppen könnten, brachte unter anderem den baden-württembergischen CDU-Abgeordneten Michael Sieber im vergangenen Winter dazu, sich für die Ersatzdröge stark zu machen: Seitdem bekannt sei, daß HIV-infizierte Beschaffungsprostituierte Zugang "zu ganz normalen bürgerlichen Familien" hätten, solle man "diese Tür so weit wie möglich zumachen".

Zwar lehnt die Stuttgarter Landesregierung solche Ideen mit dem moralisierenden Hinweis ab, daß der Weg in die Drogenfreiheit nun mal von Leiden begleitet sei. Doch in Niedersachsen zum Beispiel will jetzt CDU-Sozialminister Hermann Schnipkoweit, bis vor kurzem als vehementer Gegner der Ersatzdroge bekannt, den an Aids erkrankten Fixern ein Methadon-Programm anbieten. Ihm folgt, wenn auch noch zögernd, Berlins Innensenator Wilhelm Kewenig. Und in Hamburg, wo mehr als 4000 Drogensüchtige leben, hat jetzt die Ärztekammer Hals über Kopf einer sogenannten "Methadon-Therapie" ihren Segen gegeben. Weitere Bundesländer-Minister, durch Pro-Methadon-Kampagnen der Medien stimuliert, wollen so rasch wie möglich mitmachen. Rita Süssmuth, Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, kam vor drei Wochen von einer USA-Studienreise zurück. Sie hält seither Methadon für ein zweckmäßiges Instrument für die Sozialisierung der Süchtigen, möchte aber erst noch Gespräche mit Befürwortern und Gegnern führen – und wurde in den Medien, denen es nicht fix genug gehen kann, sogleich als Zauderin kritisiert.

Es scheint, als stolpere die Bundesrepublik, von der Drogenkriminalität und der Aids-Gefahr in Panik versetzt, mit zehn Jahren Verspätung hinter den Methadon-erfahrenen Nachbarländern her – und laufe Gefahr, deren Fehler zu wiederholen.

Opium fürs Volk

In Zürichs ehemaligem Industriegebiet, in einem verfallenen Wohnhaus aus der Jahrhundertwende, haben sich vor einem Jahr drei junge Männer mit ein paar Möbeln, das meiste vom Sperrmüll, eingerichtet. Das Geld der Sozialhilfe und die kargen Einkünfte aus einem Hilfsjob genügen ihnen.

Noch vor zwei Jahren waren alle drei heroinsüchtig; Beat, Andreas und Karl lernten sich damals in der Drogenszene kennen, irgendwo an der Uferpromenade des Limmatflusses, oder weiter in den Parks am Zürichsee, getrieben und gejagt von der Zürcher Stadtpölizei. "Das Leben war der Tod", sagt der 27jährige Beat, und seine Stimme ist so ohne Glanz und Farbe, daß man daran nicht zweifeln mag.

Zur Furcht vor der Polizei und der täglichen Jagd nach dem Stoff kam dann die Angst vor Aids. Weil damals die Polizei das Fixerbesteck – die Spritze und den Löffel zum Abkochen des Wassers für die Lösung – als Beweis für den sträflichen Drogenbesitz konfiszierte, ließen die drei die Nadel kreisen, um ihre Spuren zu verwischen. Die Abgabe von Einwegspritzen hatte der Zürcher Kantonsarzt ohnehin streng verboten.

Als ein 18jähriger Kumpel der drei sich den goldenen Schuß gesetzt hatte, nachdem er von seiner HIV-Ansteckung erfuhr, gingen sie noch am selben Tag für den körperlichen Entzug in die Klinik, dann zur stationären Drogentherapie. Alle drei wurden rückfällig, später versuchten sie es wieder. "Beim dritten Mal hatte ich eine gute Phase drauf", erinnert sich Karl, jedenfalls packte er es und ist bis heute "clean". Die beiden anderen scheiterten. "Das Psycho-Gerede ging uns auf die Nerven", sagt Beat mit tonloser Stimme. Beide meldeten sich im Sommer letzten Jahres beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Psychiatrischen Universitätsklinik für das dort angebotene Methadon.

Seit 1978 ist der Arzt und Psychiatrie-Professor Ambros Uchtenhagen für dieses Substitutionsprogramm verantwortlich. Anfangs waren es 20 Klienten, inzwischen sind es 140, die, dort montags bis freitags unter ärztlicher Aufsicht ihre Ration verabreicht bekommen. Heute gilt das Zürcher Programm als ein auf bundesdeutsche Verhältnisse übertragbares und darum besonders geeignetes Modell. Es wurde dem Düsseldorfer Experiment zugrunde gelegt.

Die entscheidende Frage war: Welche Bedingungen muß ein Süchtiger erfüllen, damit er die Kunstdroge tagtäglich einnehmen darf? Uchtenhagen wertete die in Schweden, England und Holland gesammelten Kunstdrogen-Erfahrungen aus. Schon Mitte der 70er Jahre gab es in Uppsala ein gut funktionierendes Methadon-Programm: Mehr und mehr Süchtige, von Betreuern gestützt, konnten die gestellten Bedingungen erfüllen und nach dem Verzicht auf Heroin und der Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit oder Ausbildung auch das Methadon schrittweise abbauen. Der Erfolg wurde zum Verhängnis. Denn .bald gaben in ganz Schweden die Ärzte Methadon bedenkenlos ab, Betreuung und Kontrolle fehlten. Viele Süchtige dealten jetzt mit der per Rezept beschafften Ersatzdroge, um sich wieder Heroin zu besorgen und es zusätzlich zu fixen. Immer häufiger trat nun Polytoxikomanie, die Mehrfachabhängigkeit auf. Schließlich wurden die Methadon-Programme von Staats wegen unterbunden.

Auch in Holland, wo mit Methadon seit 1968 experimentiert wird und inzwischen 64 verschiedene Substitutionskonzepte existieren, hatte die faktisch bedingungslose Freigabe der Droge verheerende Folgen. Der Drogenberater Eis A. Noorlander aus Rotterdam konstatiert: "Die Beschaffungskriminalität ging weiter, fast keiner hörte mit dem Heroinkonsum auf... Es stellte sich heraus, daß die meisten Süchtigen Methadon als eine Art ‚Sicherheitsnetz‘ benutzten: Wenn es genug Heroin gibt, kommen sie häufig nicht, um das Methadon einzunehmen." Noorlanders Fazit: "Das Ziel, Verbrechen und öffentliches Ärgernis zu mindern, wurde offensichtlich nicht erreicht." Immerhin wird heute rund ein Drittel aller "H"-Süchtigen von einem der vielen Substitutionsprogramme erreicht: Wer aus der Szene aussteigen will, dem wird hilfreich die Hand geboten.

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Nun gibt es aus anderen holländischen Städten aber auch schlechte Erfahrungen mit Konzepten, die umgekehrt eine sehr hohe Eintrittsschwelle haben. Wenn zum Beispiel der administrative Aufwand der Anmeldung zu groß und das Netz der Kontrollen zu dicht geknüpft ist, bleiben die Junkies weg. Längst weiß man, daß der von einem Süchtigen nur unter allergrößter Willensanstrengung zu fassende Entschluß, mit dem Heroin aufzuhören, an Erlebnisse und Situationen gebunden bleibt. "Wenn einer aussteigen und in den Entzug will, dann muß ihm dies sofort ermöglicht werden," bestätigen Drogenberater verschiedener Länder. Schon aus diesem Grund droht im übrigen das administrativ überfrachtete und mit vielwöchigen Wartefristen bürokratisierte Methadon-Projekt der Hamburger Ärztekammer eine Todgeburt zu werden. Auch das Düsseldorfer Experiment ist noch zu formalistisch; entsprechend groß das Mißtrauen und die Widerstände in der Drogenszene.

In Zürich setzte sich Anfang der 80er Jahre ein "mittelschwelliges" Programm durch: Die Fachärzte durften mit Zustimmung des Kantonsarztes Methadon verschreiben, "wenn stationäre Entzugs- oder Entwöhnungsbehandlungen ... aus einsehbaren Gründen nicht in Frage kommen oder dem Heroinabhängigen aus körperlichen oder psychischen Gründen nicht zugemutet werden können". Man einigte sich auf die Richtlinie, daß der Kandidat mindestens 23 Jahre alt, seit wenigstens drei Jahren heroinabhängig sein und zwei längere Entwöhnungsphasen nachweisen müsse.

Doch trotz der Ersatzdroge und einer breit angelegten Aufklärungskampagne – inzwischen werden Einwegspritzen kostenlos abgegeben – stieg die Aids-Ansteckung und die Fixer-Sterberate sprunghaft an. Laut einer Stichprobenerhebung sind in Zürich nun schon fast 60 Prozent der Fixer HIV-infiziert – die in Westeuropa vermutlich höchste Rate. Zudem ist dort die Zahl der Drogentoten, gemessen an der Größe der Bevölkerung, viermal höher als in der Bundesrepublik. Plausible Erklärungen fehlen.

Unter dem Schock dieser Zahlen wurde im Juni letzten Jahres die Schwelle gesenkt. Seither darf in Zürich praktisch jeder behandelnde Arzt Methadon verschreiben, Heroinverzicht als Vorleistung wird nicht mehr verlangt. Sofort schnellte die Zahl der Methadon-Klienten im Kanton Zürich von rund 200 auf inzwischen 900 nach oben. Rund ein Fünftel aller Süchtigen bezieht jetzt Methadon; viele von ihnen als Zusatzstoff, um dem Heroin mehr Power zu geben.

Diese Entwicklung macht Ambros Uchtenhagen Sorgen: "Aids-politische Interessen kollidieren mit dem drogentherapeutischen Interesse." Es bestünde die Gefahr, daß sich nun auch in Zürich die Erfahrung der Schweden und Holländer wiederholen werde. Er warnt vor der Illusion, allein durch die ärztlich kontrollierte Abgabe der Kunstdroge das Suchtproblem lindern zu können. "Der Drogenabhängige muß in den abklärenden Gesprächen eine Bereitschaft zur normalen Lebensführung erkennen lassen", lautet sein Fazit, und: "Langfristig muß der Klient von allen Drogen Abschied nehmen." Für dieses Ziel seien erfahrene und vertrauenerweckende Betreuer zwingend erforderlich, die sich mit der gesamten Lebenssituation des Klienten befassen, denn "anders ist der Aufbau einer positiven Lebensperspektive nicht möglich."

Methadon-Programme können demnach die umfassende therapeutische Betreuung des Süchtigen nicht ersetzen, im Gegenteil: Sie sind darauf angewiesen, weil sich sonst beim Patienten der Eindruck festsetzt, er sei unheilbar drogenkrank.

Auch Beat in Zürich steckt trotz der psychosozialen Betreuung in einer permanenten Lethargie. "Die therapeutischen Gespräche dringen nicht bei mir ein", sagt er. Ob er je von Methadon loskomme? "Ist mir eigentlich egal." Ähnlich deprimierende Selbstdarstellungen gibt es auch aus England und Holland – und, vor allem, aus New York, wo derzeit rund 34 000 der 250 000 Heroinsüchtigen in 94 Abgabestellen Methadon erhalten. Weil das Geld für die Sozialhelfer fehlt, werden "H"-Abhängige in der Harlemer Drogenstation "Interim-House" mit der Kunstdroge abgefüllt. Viele der Drogennehmer seien körperlich und psychisch ohnehin schon so abgebaut, daß jede therapeutische Arbeit zwecklos wäre, urteilt der Leiter des Programms, der Psychiatrieprofessor Robert Newman. "Allenfalls können wir im Verlauf der Behandlung die Dosis ein wenig senken." Immerhin hole das Medikament viele Süchtige vom Schwarzmarkt.

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Besonders flexibel und darum erfolgversprechend ist das vor zwei Jahren in der südholländischen Stadt Tilburg eingerichtete Drogenzentrum: Die Schar der eher hoffnungslosen Junkies erhält das Methadon, ähnlich wie in New York, ohne weitere Auflagen. Diejenigen aber, die von der Sucht wegwollen, werden über mehrstufige Programme mit zunehmend strengeren Bedingungen geführt, um schließlich, vielleicht nach ein paar Jahren, mit intensiver therapeutischer Betreuung ganz drogenfrei zu werden. Der Rechtsgelehrte van Kalmthout, der das Modell entwickelt hat, befand: "Die Sucht hat viele Gesichter; wir müssendarum viele verschiedene Therapieformen anbieten." Den in der Bundesrepublik tobenden Grundsatzstreit – Substitutions- oder Abstinenztherapie – empfindet er als irreführend.

Und doch ist vielleicht das Methadon-Progiamm bald eine überholte Idee für vergangene Probleme. Denn inzwischen hat sich das Suchtverhalten gewandelt wie das Chamäleon in einer veränderten Umgebung.

Der Süchtige, der nur Heroin fixt, wird seltener. Immer häufiger mixen und panschen die Junkies sedierende Drogen (Heroin) mit euphorisierenden (Kokain und Amphetamin): Da gibt es den "speed-ball" (zuerst wird Heroin, wenig später Kokain injiziert) oder den "Stereo-Druck" (in die linke Vene Heroin, in die rechte Kokain), den "high-press" (Heroin mit Amphetamin) oder einfach den "Doppelten" (Heroin mit Methadon oder Codein-Präparaten und Alkohol): Überbordende Suchtformen, denen mit keiner Ersatzdroge beizukommen ist. Auch Ambros Uchtenhagen beobachtete, daß seine Methadon-Empfänger auch noch Kokain oder Amphetamin nehmen. "Vielleicht", sagt er, "ist das Methadon-Programm bald einmal eine Lösung für vorgestern."

Nach Büroschluß schlendert Fabian mit Vorliebe durch eine der Einkaufspassagen im Zentrum von Hamburg. Dann setzt er sich, das Publikum freundlich musternd, in eines der Outfit-Cafes, die Armani-Jacke über den Schultern. Drogensüchtig? Fabian, seit ein paar Jahren Art-director einer erfolgreichen Werbeagentur, zieht beide Augenbrauen fragend nach oben. Er lächelt unschuldig. "Drogen ja. Aber süchtig? Ich kann jederzeit aufhören." Der eher kleingewachsene Fabian, grell gekleidet und mit zwei Goldringen an der linken Hand, schaut unentwegt nach allen Seiten, zieht Grimassen und sprudelt angestrengt geistreich über Faßbinder, Tom Wolfe und so weiter.

Fabian "snifft" seit zwei, drei Jahren regelmäßig Kokain. "Nicht mehr als vier Gramm pro Woche, da passe ich höllisch auf." Beschaffungsprobleme? Bei seinem Einkommen kein Thema. Er bezieht die Ware frei Haus, bei fallenden Preisen. "Eigentlich sollte man den Stoff freigeben, er macht ja körperlich nicht süchtig." Untersuchungen über die prägnanten Suchtsymptome und den psychischen Verfall bei langjährigen Koks-Schnupfern wischt er beiseite: Schizophrene Züge hätten alle genialen Menschen. Weit strenger als bisher solle man aber das Heroin, diese "Plebejer-Droge" verbieten, es mache die Fixer "dumm und stumpf". Fabians Ringfinger steppt auf der Marmorplatte. Dann läßt er seine Hand über dem Kopf kreisen und zieht die Augenbrauen hoch. "Kokain ist Treibstoff für Überflieger." Er nehme es als "geistiges Surfbrett", um kreativ zu sein.

Viele Tausende wollen inzwischen wie Fabian ganz vorne mitfliegen. Längst ist der Stoff aus Südamerika für das Bonner Innenministerium "zum Brennpunkt der polizeilichen Rauschgiftbekämpfung" avanciert, die von den Zollfahndern beschlagnahmten Mengen steigen sprunghaft an. Südamerikas Kokain-Mafia, das Medellin-Kartell in Kolumbien, hat Westeuropa als gemeinsamen Markt entdeckt: Nicht dream, sondern speed ist für die 90er Jahre angesagt. Wozu dann noch Methadon? Fabian zieht beide Augenbrauen fragend in die Höhe, lächelt unschuldig, zahlt seinen Kir und schlendert durch die Passage in Richtung Taxi.