Besonders flexibel und darum erfolgversprechend ist das vor zwei Jahren in der südholländischen Stadt Tilburg eingerichtete Drogenzentrum: Die Schar der eher hoffnungslosen Junkies erhält das Methadon, ähnlich wie in New York, ohne weitere Auflagen. Diejenigen aber, die von der Sucht wegwollen, werden über mehrstufige Programme mit zunehmend strengeren Bedingungen geführt, um schließlich, vielleicht nach ein paar Jahren, mit intensiver therapeutischer Betreuung ganz drogenfrei zu werden. Der Rechtsgelehrte van Kalmthout, der das Modell entwickelt hat, befand: "Die Sucht hat viele Gesichter; wir müssendarum viele verschiedene Therapieformen anbieten." Den in der Bundesrepublik tobenden Grundsatzstreit – Substitutions- oder Abstinenztherapie – empfindet er als irreführend.

Und doch ist vielleicht das Methadon-Progiamm bald eine überholte Idee für vergangene Probleme. Denn inzwischen hat sich das Suchtverhalten gewandelt wie das Chamäleon in einer veränderten Umgebung.

Der Süchtige, der nur Heroin fixt, wird seltener. Immer häufiger mixen und panschen die Junkies sedierende Drogen (Heroin) mit euphorisierenden (Kokain und Amphetamin): Da gibt es den "speed-ball" (zuerst wird Heroin, wenig später Kokain injiziert) oder den "Stereo-Druck" (in die linke Vene Heroin, in die rechte Kokain), den "high-press" (Heroin mit Amphetamin) oder einfach den "Doppelten" (Heroin mit Methadon oder Codein-Präparaten und Alkohol): Überbordende Suchtformen, denen mit keiner Ersatzdroge beizukommen ist. Auch Ambros Uchtenhagen beobachtete, daß seine Methadon-Empfänger auch noch Kokain oder Amphetamin nehmen. "Vielleicht", sagt er, "ist das Methadon-Programm bald einmal eine Lösung für vorgestern."

Nach Büroschluß schlendert Fabian mit Vorliebe durch eine der Einkaufspassagen im Zentrum von Hamburg. Dann setzt er sich, das Publikum freundlich musternd, in eines der Outfit-Cafes, die Armani-Jacke über den Schultern. Drogensüchtig? Fabian, seit ein paar Jahren Art-director einer erfolgreichen Werbeagentur, zieht beide Augenbrauen fragend nach oben. Er lächelt unschuldig. "Drogen ja. Aber süchtig? Ich kann jederzeit aufhören." Der eher kleingewachsene Fabian, grell gekleidet und mit zwei Goldringen an der linken Hand, schaut unentwegt nach allen Seiten, zieht Grimassen und sprudelt angestrengt geistreich über Faßbinder, Tom Wolfe und so weiter.

Fabian "snifft" seit zwei, drei Jahren regelmäßig Kokain. "Nicht mehr als vier Gramm pro Woche, da passe ich höllisch auf." Beschaffungsprobleme? Bei seinem Einkommen kein Thema. Er bezieht die Ware frei Haus, bei fallenden Preisen. "Eigentlich sollte man den Stoff freigeben, er macht ja körperlich nicht süchtig." Untersuchungen über die prägnanten Suchtsymptome und den psychischen Verfall bei langjährigen Koks-Schnupfern wischt er beiseite: Schizophrene Züge hätten alle genialen Menschen. Weit strenger als bisher solle man aber das Heroin, diese "Plebejer-Droge" verbieten, es mache die Fixer "dumm und stumpf". Fabians Ringfinger steppt auf der Marmorplatte. Dann läßt er seine Hand über dem Kopf kreisen und zieht die Augenbrauen hoch. "Kokain ist Treibstoff für Überflieger." Er nehme es als "geistiges Surfbrett", um kreativ zu sein.

Viele Tausende wollen inzwischen wie Fabian ganz vorne mitfliegen. Längst ist der Stoff aus Südamerika für das Bonner Innenministerium "zum Brennpunkt der polizeilichen Rauschgiftbekämpfung" avanciert, die von den Zollfahndern beschlagnahmten Mengen steigen sprunghaft an. Südamerikas Kokain-Mafia, das Medellin-Kartell in Kolumbien, hat Westeuropa als gemeinsamen Markt entdeckt: Nicht dream, sondern speed ist für die 90er Jahre angesagt. Wozu dann noch Methadon? Fabian zieht beide Augenbrauen fragend in die Höhe, lächelt unschuldig, zahlt seinen Kir und schlendert durch die Passage in Richtung Taxi.