Wie immer das gegenwärtige Kräftemessen in Polen auch ausgeht, für Gorbatschow kann es schwerlich gut enden. Setzen sich in der polnischen Partei wiederum, wie schon vor acht Jahren, jene Kräfte durch, die jede unabhängige Regung als Bedrohung ihrer Macht empfinden, lassen sie die bestreikten Betriebe räumen und die Streikführer verurteilen, suchen sie das Land in jene apathische Ruhe zurückzuversetzen, wie sie nach Verhängung des Kriegsrechts herrschte, kann Gorbatschows Perestrojka nur darunter leiden. Alle Anhänger der Reform werden dann sehen, wie eng der Rahmen für Umgestaltung ist, wie unbarmherzig der Umgang mit den Kritikern und Andersdenkenden.

Sollten in Polen hingegen die Verständigungsbereiten Oberhand gewinnen und zum ersten Mal in einem Land des realen Sozialismus eine unabhängige Gewerkschaft als Partner im politischen Dialog akzeptieren, dann würden in Moskau unweigerlich wohl die Dogmatiker auf den Plan treten und hämen, Polen zeige, wohin der Weg der Reform am Ende führe: nicht Umwandlung, sondern Umsturz sei die Folge einer jeden Aufweichung des Systems.

Beides muß den Kremlherrn schrecken: störrisches Bremsen der osteuropäischen Parteien ebenso wie verwegenes Vorpreschen. Gorbatschow steht vor einem Dilemma. Sein neues Denken hat in Osteuropa Hoffnungen auf eine pluralistische Gesellschaft geweckt. Sie diktieren den Bruderparteien Kompromisse, die der sowjetische Parteichef selbst als bürgerlich verwirft. Damit muß er diejenigen enttäuschen, die sich auf ihn berufen.

Die Streikenden in Danzig und Jastrzebie freilich, die für mehr Freiheit in Polen kämpfen, werden sich nicht Gorbatschows Kopf zerbrechen. Gleichwohl ist ihr Schicksal mit dem seinen verbunden. hh