Von Monika Putschögl

Die Strebsame muß rackern für ein bißchen Anerkennung. Die leichtlebige große Schwester dagegen wird umflirtet von unzähligen Verehrern und muß nichts dafür tun. Dabei hat die Kleine sich immer schon angestrengt. Sie hat ihrem Land zu seinem Namen verholfen. Sie hat einem Wein Weltgeltung verschafft, und dennoch mag man die kühle Spröde lange nicht so wie die berühmte Große. "Coimbra singt, Braga betet, Lissabon protzt, Porto arbeitet." Alle preisen Lissabon, und wer spricht von Porto?

340 Kilometer trennen die Metropole Portugals von der Wirtschaftsmetropole im Norden. Lissabon verabschiedet sich, ohne Wehmut aufkommen zu lassen, mit häßlichen Hochhäusern und Industrieanlagen. Dann saust der Rapido, ein Schnellzug, komfortabler als ein Intercity, durch eine Landschaft voll sanfter grüner, kiefernbestandener Hügel, vorbei an bukolischen Olivenhainen, vor denen Kühe lagern, vorbei an weißen Häuschen zwischen weiten Gemüsegärten. Weinfelder wechseln mit hahnenfußbesprenkelten welligen Wiesen, in der Abendsonne funkeln die Wasser der Reisterrassen, neben mohngesäumten Äckern weiden Schafe und Ziegen. Die fruchtbare Landschaft der Beira Litoral, der Küstenzone, macht die Armut Portugals vergessen. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt künden Villen von der Nähe Portos.

Porto brodelt, Porto lärmt, Porto schimpft, Porto vibriert voll vitaler Hektik. Die\ kühle Sprödeist alles andere als unscheinbar. Porto hat weit über 300 000 Einwohner, mit den Randgebieten sogar eine Million. Porto hat Industrie und einen Hafen, der der Stadt schon zur Römerzeit den Namen gab. Porto und die gegenüberliegende Siedlung Cale waren die Taufpaten der später entstandenen Grafschaft Portucale, dem Stammland des heutigen Portugal. Den Hafen gibt es immer noch. Er liegt, ein häßliches Revier, heute weit draußen vor der Stadt in Matosinhos.

Eine Straßenbahnfahrt den Fluß Douro entlang kann die Ouvertüre sein zum Spektakel Porto. Der Wagen mit der Nummer 280 wirkt wie aus dem Museum: holzgetäfelt, die Sitze von Generationen abgewetzt und je nach Fahrtrichtung umzuklappen, lange Lederschlaufen, die zum Festhalten von der Decke baumeln, eine Schnur, die zu ziehen hat, wer Ausstieg begehrt. Der Fahrer, wichtig wie ein Kapitän am Steuer stehend, hantiert abwechselnd mit einer gewaltigen alten Kurbel, um die quietschende Bahn durch die Haarnadelkehren zu nötigen, und mit einem langen Haken, um bei gelegentlichem Halt auf freier Strecke die Weichen zu stellen. Der Schaffner kassiert 60 Escudos (etwa 80 Pfennig) Fahrgeld. Die Bahn knarrt und pfeift, ächzt und singt, wiegt sich in Kurven, schaukelt um enge Ecken.

Rechts liegt der Fluß Douro, betupft mit kleinen Kuttern und überspannt von drei Brücken, deren berühmteste aus Eisen und von Gustave Eiffel ist, links ziehen wie ein Prospekt die Häuser vorbei: kleine, flache, bescheidene, manche nur mit einer Tür und zwei Fenstern, betagte, verlassene, um die sich keiner mehr zu kümmern scheint, dazwischen hohe altersmüde Gebäude, deren Balkone so zerbrechlich wirken, daß man meinen möchte, beim nächsten Windstoß müßte ihr filigranes Gitterwerk mit einem sanften Klirren zu Boden fallen. Aber noch sind sie stark genug, vollbeladene Wäscheleinen zu halten und Blumentöpfe zu tragen, aus denen schweres Grün strotzt.

Vielleicht werden die Gemäuer von den Kacheln zusammengehalten, von den leuchtenden Azulejos, die allgegenwärtig sind in Porto. Sie kleben an den kleinen Klitschen am Douroufer, sie überwuchern die schlanken, eleganten Häuser in den Innenstadtgassen, sie schmücken üppig die barocke Misericördiakirche, geballt und gebündelt zu gewaltigen Tableaus überraschen sie im 1915 eingeweihten Bahnhof São Bento. In der monumentalen Eingangshalle erzählen sie aus der Geschichte Portugals: König João I. zieht hoch zu Roß ein, um sich mit Philipa von Lancaster zu vermählen, Heinrich der Seefahrer erobert stolz erhobenen Hauptes über Verwundete schreitend Ceuta. Geschäftiges Landleben kontrastiert mit hehrer Historie: Ein Mann mäht mühsam mit der Sichel, Frauen balancieren Körbe voller Trauben, unter einem Zelt bechern fröhliche Zecher.