Es war ein Schuß ins Dunkle gewesen: die Vermutung in der letzten Kolumne, Lothar Späth sei, als neuer Beitrag zur Arbeitszeitverkürzung, der "Urlaub am Arbeitsplatz" eingefallen. Und dann diese Reaktion: Telephon. Am Apparat eine Frau Sandl. "Das ist doch ein alter Hut vom Späth – und außerdem noch ein Plagiat", wetterte sie.

"Von wo rufen Sie mich an?"

"Aus dem Büro. Ich mache hier gerade Urlaub. Es ist sehr erholsam."

"Seit wann machen Sie Urlaub im Büro, Frau Sandl?"

"Etwa seit der Wende. Da riefen wir, Freunde des neuen Kanzlers, diese Bewegung ins Leben. Wir wollten damit unserer Wirtschaft helfen. Der geht doch durch den üblichen Urlaub am Strand oder im Gebirge so viel Arbeitskraft verloren. Andererseits gibt es so viele Menschen, die ohne Arbeit gar nicht leben können und im Urlaub unter Arbeitsentzugserscheinungen leiden. Als ich zum Beispiel einmal notgedrungen im Urlaub mein Büro aufsuchen mußte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, ein paar Zeilen auf meiner geliebten Schreibmaschine zu tippen – und verbrachte den Rest meines Urlaubs an meinem Arbeitsplatz. Es war unvergeßlich schön."

Was daran denn so schön war, wollte ich wissen.

"Ein Büro ist absolut wettersicher. Man hat keine strapaziösen Fahrwege, muß sich nicht über Staus ärgern. Es gibt keine vertauschten Koffer, keine penetranten Reisebekanntschaften, die man später nicht mehr los wird, keine Fehlbuchungen, keinen Sonnenbrand, keinen Ärger über schlechtes Essen und miserablen Service, keine Angst vor verdreckten Stränden."