Chronik eines Verbrechens – warum die Polizei die Geiseln nicht befreien konnte

Von Horst Bieber

Dienstag vergangener Woche, gegen 7.40 Uhr: Vor einer Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck-Rentfort stellen zwei Männer ein gestohlenes Motorrad ab. Die Bank liegt in einem Innenhof eines belebten Einkaufszentrums, die Männer werden von Passanten und Anwohnern bemerkt, auch argwöhnisch betrachtet. Kurz vor acht Uhr wollen ein 34jähriger Kassierer und eine 23jährige Kundenberaterin das Gebäude betreten; die jetzt vermummten Männer drängen sie gewaltsam in den Eingang. Ein Augenzeuge alarmiert sofort die Polizei; eine Viertelstunde später ist die Bank von Polizei und einem Spezial-Einsatzkommando (SEK) abgeriegelt. Scharfe Schüsse fallen. Anwohner werden evakuiert, die Belagerung beginnt.

"Bewaffnete Geiselnahme" ist zwar kein alltägliches Verbrechen, aber inzwischen auch in der Bundesrepublik so häufig, daß es meist nur noch kleine Schlagzeilen macht, etwa zehnmal pro Jahr. Den Charakter des Spektakulären hat die Geiselnahme verloren.

Die Geiselnahme von Gladbeck aber verlief höchst spektakulär. Sie endete erst nach 54 Stunden in einer wilden Aktion auf der Autobahn im Siebengebirge. Zwei Geiseln waren ermordet worden, ein Polizeibeamter bei der Verfolgung tödlich verunglückt. Am Fernsehschirm und im Rundfunk hatte die Nation die Realität wie einen Krimi live verfolgen können. Diesen Mißerfolg der Polizei konnte sie hören und sehen, wo sie sonst von den Erfolgen allenfalls hinterher liest. Kein Wunder, daß ein Schwall von Fragen über die Obrigkeit niederprasselte: Hat die Polizei versagt? Wie konnte das passieren?

Geiselnahme ist für die Polizei eines der heikelsten Verbrechen. Glücklicher Ausgang und tödlicher Mißerfolg liegen dabei oft nur um eine einzige Entscheidung auseinander. Wenn es darum geht, eine Brandstiftung oder einen Mord aufzuklären, können Zeugen erneut befragt, materielle Spuren noch einmal untersucht werden, kann ein fälschlich Festgenommener auf freien Fuß gesetzt werden, nachdem ihm vielleicht Unrecht geschehen, doch – kein irreparabler Schaden zugefügt worden ist. Doch Geiselnahme ist eine sich überstürzende Abfolge von Ereignissen, die keine Zeit läßt und keine Korrektur fehlerhafter Entscheidungen erlaubt. Der Zufall spielt dabei eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie die politische Planung.

Ein festes Programm, wie mit Geiselnehmern umzugehen ist, kann es nicht geben. Zu verschieden sind die Täter, ihre Charaktere, ihre Motive, zu unterschiedlich die lokalen Umstände, räumlichen Bedingungen, die unvermeidlichen Zufälle der Begebenheit. Doch aus guten wie schlechten Erfahrungen hat die Polizei ein flexibel zu handhabendes Konzept entwickelt, das sie seit Jahren mit erstaunlichem, freilich kaum bekannten Erfolg anwendet. Die meisten Geiselnahmen enden ohne Verletzung der Opfer und mit der Überwältigung der Täter – in der Mehrzahl noch am Tatort.