Von Hermann Glaser

Es ist jammerschade", schrieb am 15. November 1884 der St.Galler Stadtanzeiger, "daß das vaterländische Habermus in Abgang gekommen ist und einer Kaffeebrühe Platz machen mußte, die vor Schwäche kaum aus der Kanne fließen kann. Der Maggi ist ganz geeignet, die Stelle des Habermus zu ersetzen und hoffentlich werden in wenigen Jahren auf den Schulbänken, in den Werkstätten, auf dem Ackerfeld und in den Großrathsälen blühende, gesunde Maggiköpfe zu sehen sein."

Drei Jahre nach dieser Notiz gründete der Schweizer Lebensmittelfabrikant Julius Maggi seine erste deutsche Niederlassung in dem Hegaudorf Singen am Hohentwiel. In der Restauration Amann wurde der hintere Gebäudeteil angemietet; sieben Arbeiterinnen und ein Vorarbeiter wurden eingestellt; sie füllten Würze aus großen Kanistern in die kleinen Würzefläschchen, die im Singener Dialekt "Güterli" genannt wurden. Der Zweigbetrieb war aus zollpolitischen Gründen entstanden; bei der Einfuhr wurde für fertig abgefüllte Würze vom Großherzogtum Baden ein Vielfaches an Zoll verlangt wie für Würze in Kanistern. Die Lage Singens – seit 1863 hatte es Bahnanschluß – ermöglichte es, Güterwaggons direkt vom Stamm-, sitz der Firma, Kempttal, zur neuen Niederlassung zu fahren.

Singens Weg vom Bauerndorf zur Industriestadt ist das Thema eines Buches, das als Musterbeispiel für eine Heimatgeschichte, die exemplarisch Universalgeschichte "lokalisiert", angesehen werden kann:

  • Alfred G. Frei (Hrsg.): Habermus und Suppenwürze. Singens Weg vom Bauerndorf zur Industriestadt

Stadler Verlagsgesellschaft, Konstanz 1987; 272 S., mit über 300 Abbildungen, 39,80 DM.

Der 1200. Jahrestag der ersten schriftlichen Erwähnung Siiigens wurde dort zum Anlaß einer intensiven Geschichtsarbeit genommen. Ein sozialgeschichtlicher Ausstellungszyklus behandelte "Bauern und Handwerker im alten Singen", "Julius Maggi – Singens würziger Weg zur Industriestadt" und "Arbeiterleben unter dem Hohentwiel 1895 bis 1945". Der vorliegende Band spiegelt die kulturpolitischen Bemühungen des Jubiläumsjahres. Zugleich aber ist er, über die Fallstudie hinaus, ein hervorragender Beitrag zu einer neuen Form von Geschichtsarbeit, die historischer Refeudalisierung entgegentritt. Die Souveränität des Herausgebers besteht nicht zuletzt darin, daß er sich seit längerem auch wissenschaftlich mit Alltagsgeschichte und Sozialgeschichte beschäftigt. Wer Geschichte lediglich als Abfolge von übergeordneten politischen Vorgängen begreift, kann den einen Ort für mehr, den anderen für weniger "geschichtsträchtig" halten; "wem es um die Menschen geht, der wird überall interessante Geschichte antreffen: an jedem Ort haben die Menschen um ihr Überleben gekämpft, überall haben sie gefeiert, gelitten, und sie haben sich an jedem Ort anders mit von außen kommenden Einflüssen und Strukturen auseinandergesetzt. Die Haupt-und Staatsaktionen zeigten an jedem Ort eine andere Wirkung – und man kann die Gegenwart einer Stadt nur verstehen, wenn man ihre Geschichte als Auseinandersetzung zwischen inneren Strukturen und äußeren Einflüssen begreift und untersucht."