Bauaktien gehörten in jüngster Zeit zu den Favoriten am Aktienmarkt

In der vergangenen Woche zählten Bauaktien zu den Lieblingen der Börsianer. Die Westdeutsche Landesbank ermittelte, daß unter den sechs Werten mit den größten Kursgewinnen insgesamt vier Werte aus der Baubranche zu finden waren. Aber nicht erst in der jüngsten Vergangenheit waren diese Titel gefragt. In den vergangenen acht Monaten stieg beispielsweise die Aktie des Essener Baukonzerns Hochtief von 392 Mark auf nunmehr 530 Mark, und die Notierung der Strabag-Papiere kletterte im selben Zeitraum um fast 87 Prozent auf 166 Mark. Worin liegen die Gründe für diese bemerkenswerte Entwicklung, und wie beurteilen Anlageexperten die weiteren Kurschancen der Bauaktien?

Die Baukonjunktur hat sich nach den Erkenntnissen des Hamburger HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung wieder gebessert: Die Erholung der Baunachfrage habe bereits im abgelaufenen Jahr eingesetzt und halte in diesem Jahr an. Die Auftragseingänge im Bauhauptgewerbe lagen in der ersten Jahreshälfte um knapp zehn Prozent höher als im gleichen Vorjahreszeitraum. Die Aufwärtsentwicklung vollzog sich sowohl im Wohnungsbau als auch im gewerblichen Bereich, selbst im öffentlichen Sektor kam es nicht zu den befürchteten Auftragsrückgängen.

Die börsennotierten Bauunternehmen begannen das neue Geschäftsjahr recht unterschiedlich. Bei Bilfinger & Berger zum Beispiel stiegen die gesamten Bauleistungen in den ersten vier Monaten um ein Fünftel auf 845 Millionen Mark, während sich das Gesamtgeschäft bei der Essener Hochtief im gleichen Zeitraum mit einem Plus von 4,8 Prozent auf 1,3 Milliarden Mark eher mäßig entwickelte. Bei alledem darf aber eines nicht übersehen werden: Die Belebung der Baukonjunktur bewegt sich auf einem ziemlich niedrigen Niveau, was die Bauinvestitionen belegen, wenn sie ins Verhältnis zum Bruttosozialprodukt gesetzt werden. Ihr Anteil sank von 17,5 Prozent Anfang der siebziger Jahre auf derzeit nur noch 11,5 Prozent.

Es sind immer wieder Stimmen zu hören, die dem Wohnungsbau durch die zunehmende Zahl von Aussiedlern eine weitere Anregung prophezeien. Gleichwohl dürften die großen Aktiengesellschaften aus dieser durchaus realistischen Vorhersage keinen Nutzen ziehen, da die auf viele Orte verteilten Aufträge für große Baukonzerne zu klein sind und eher den mittelständischen Baugesellschaften zugute kommen dürften, die nicht an der Börse notiert sind.

Die anhaltende Diskussion, welche deutschen Aktiengesellschaften von der Liberalisierung des Binnenmarktes der Europäischen Gemeinschaft profitieren könnten, erfaßte auch die Baubranche. Unter Wertpapierexperten, deren Analyseergebnisse später in Anlageempfehlungen einfließen, sind die Auffassungen über die Chancen deutscher Baufirmen geteilt. Den Konzernen käme zwar der vereinfachte Marktzutritt wie auch das Schaffen einheitlicher technischer Normen zugute, heißt es, andererseits sprächen der verschärfte Wettbewerb und die daraus folgenden Preiszugeständnisse nicht gerade für eine gute Ausgangsposition deutscher Bauunternehmen, weil die Personalkosten vergleichsweise hoch sind. Überdies dürfte eines nicht außer acht gelassen werden: Der europäische Markt hat für die deutsche Bauindustrie im Rahmen ihres Auslandsgeschäfts bislang nur eine untergeordnete Rolle gespielt, denn lediglich fünf Prozent aller Bauaufträge kommen aus Ländern der Gemeinschaft.

Das jährliche Bauvolumen in der EG wird mit rund 900 Milliarden Mark beziffert. Die besten Aussichten, davon etwas abzubekommen, räumt Thomas Ruf von der Frankfurter DG-Bank den Unternehmen Hochtief, Philip Holzmann und Bilfinger & Berger ein. Besonders beeindruckt ist Branchenexperte Ruf von Bilfinger & Berger. Das Spezialbauunternehmen hat sich rechtzeitig und erfolgreich neuen Auslandsmärkten in Ägypten, Pakistan, Hongkong und Indonesien zugewandt. Alleine in den beiden vergangenen Jahren wurden mehr als drei Milliarden Mark an neuen Aufträgen hereingeholt. Die Unternehmensleitung rechnet auch für die nahe Zukunft mit einer weiteren Verbesserung der Auslandsbauleistung.

Die Nachrichten über den Waffenstillstand zwischen dem Iran und dem Irak führten in der jüngsten Zeit bei den deutschen Bauwerten zu weiteren kräftigen Kurssteigerungen. Der Grund für die steigende Nachfrage ist eine Spekulation: Bundesdeutsche Baukonzerne könnten aufgrund ihres Know-hows und den bereits bestehenden Geschäftsverbindungen besonders vom Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur profitieren. Überschwengliche Hoffnungen aus dem Kriegsende zu schöpfen ist nach Meinung der DG-Bank nicht ungefährlich. Auch Margot Schoenen, Chefanalystin bei der WestLB, warnt, es seien einfach noch zu viele Fragen offen – angefangen bei der unsicheren Finanzierung der Wiederaufbauprogramme. Die meisten Bauaktien sind, bezogen auf die aktuelle Gewinnsituation, keinesfalls unterbewertet. Beispielsweise beträgt das Kurs-/Gewinnverhältnis (KGV) bei Philip Holzmann knapp dreißig, während der Durchschnitt des gesamten Aktienmarktes etwa bei einem KGV von zwölf liegt. Nachhaltige Ertragsverbesserungen sind bei der Baubranche nicht zu erwarten, sie hat nach wie vor mit Überkapazitäten bei insgesamt niedrigem Auftragsniveau zu kämpfen. Lediglich im Umweltschutz glaubt Enno Vocke, Vorstandsvorsitzender bei der Essener Hochtief, zusätzliche Wachstumschancen auszumachen. Margot Schoenen von der WestLB hält dementsprechend die Aktien der börsennotierten Baugesellschaften auch für überbewertet. Sie rät, erst bei deutlich niedrigeren Kursen zu kaufen. Solidus