Der Maestro und die Jungmusiker: Beobachtungen bei der Probenarbeit mit Sergiu Celibidache hinterm Scheunentor von Salzau

Von Barbara von Jhering

Nach der elften Wiederholung, endlich, ist der Maestro einigermaßen zufrieden. Immer wieder hat er unterbrochen, hat seine Musiker ermahnt und ermuntert, hat geraunzt, gefleht und schließlich geschrien. Mal waren die ersten Geigen die Schuldigen, mal die zweiten, dann die Fagotte, und auch die Bratschen traf es hart. Als er endlich nach dem 35.Takt weiterspielen läßt, scheint eine halbe Ewigkeit vergangen.

Orchesterprobe mit Sergiu Celibidache und jungen Musikern in Salzau. Sie erarbeiten den vierten Satz aus Mozarts Jupiter-Sinfonie. Wegen seiner unnachgiebigen Genauigkeit ist der Chef der Münchner Philharmoniker gefürchtet; für das Nachwuchsorchester des Schleswig-Holstein Musik-Festivals hat mit seiner Ankunft die zweite Hälfte des Sommers begonnen.

Nach der trubeligen Probenarbeit mit Leonard Bernstein – der Presserummel um "Lennie", Konzertreisen nach London und Moskau hatten viel Aufregung gebracht – kehrt für jene vierzig Prozent der Studenten, die zur zweiten Halbzeit bleiben, wieder Ruhe ein. Unter Celibidaches Taktstock-Regiment ist manches anders geworden auf dem Gut am Selenter See. Zuerst der Name: Was Bernstein "Festivalorchester" genannt hat, wird nun zur "Orchesterakademie". Es gibt keine Sonderkonzerte mehr, und auch die spontanen Kammerkonzerte bei den musikalischen Wochenendfesten von "Frantz & Friends" halten sich auf Wunsch des neuen Meisters in Grenzen; er verlangt, daß die jungen Musiker sich ganz auf die Probenarbeit konzentrieren. Weg vom Festival-Glamour, hin zur Seminar-Atmosphäre.

Das Gut Salzau unweit von Kiel, 550 Hektor groß, mit einem schloßähnlichen Herrenhaus aus dem Jahr 1881, war vor Jahrhunderten Sitz derer von Rantzau und Plessen, dann im Besitz der gräflichen Diplomatenfamilie Blome und gehört heute der Kieler Landesregierung. Mit sieben Millionen Mark wurde es erst im vergangenen Jahr zum Kulturzentrum ausgebaut.

Wer sich über die kurvigen Landstraßen der Holsteinischen Schweiz dem Anwesen nähert, wird gleich eingehüllt von polyphonen Klängen: Aus offenen Fenstern wehen Tonleitern und Ackorde, irgendwo im Park bläst ein Hornist. Als zusätzliche Übungsräume sind auf einer Lichtung zehn Bauwagen aufgestellt, jeder mit Stuhl und Notenpult versehen.