Irgendwie ist das schon komisch: Bonn atmet geradezu auf. Es geht wieder los, es wird wieder regiert. Helmut Kohl ist zurück, ebenso Hans-Jochen Vogel. Und wie über Nacht ist das Bundesviertel abermals mit Staatskarossen vollgestopft. Irgendwie auch hat dieser an Personen gebundene Szenenwechsel in der meistens so abstrakten Politik etwas Tröstliches: Sind die Chefs wieder da, kommt auch ihr Laden wieder in Schwung, welcher auch immer.

Diesmal freilich hat das Aufatmen noch einen besonderen Grund. Es war ja, sechs Wochen lang, rein gar nichts los, tatsächlich kein Sommertheater, überall Fehlanzeige. Darauf war dieser Brummkreisel Bonn partout nicht vorbereitet. Wenn es schon nichts zu tun gibt, dann hält man sich, doch wenigstens mit Scheinproblemen in Atem. Aber diese vollkommene Ruhe: ein unheimlicher Zustand.

Nun die ersten Arbeitstage – Akten, Post, alles noch ein bißchen zwischen zwei Fingern hin- und hergewendet. Und die ersten Runden mit den Vertrauten, Beratern, Mitarbeitern: Wie ist die Lage?

Die Lage ist unverändert, nur um eine Sommerpause älter. Wiederum tröstlich, daß das den Akteuren ein wenig zu schaffen macht – dieses Verglimmen des in einem heimlichen Winkel gehegten Hoffnungsfünkchens, daß sich auf wunderbare Weise doch etwas verändert haben könnte, nach dem moralischen Tiefpunkt und dem panikartigen Auseinanderlaufen zum Beginn der Ferien.

Aber bei der Union sind die demoskopischen Kurven erst recht im Keller. Und auf der anderen Seite mißtraut die SPD noch ihrem augenblicklichen Hoch: schon ein verläßlicher Aufwind oder nur eine Thermik, die sich aus dem Tief der anderen erklärt?

Also gehen die Wettermacher ans Werk. Selbst die Sozialdemokraten, verwundert sich Heiner Geißler, seien während der Sommerpause so zahm und lahm gewesen. Um so mehr nun auf sie mit Gebrüll: Der bevorstehende Parteitag, prophezeit der CDU-Generalsekretär, werde eine genügsam dahindämmernde SPD zeigen. Darin steckt natürlich auch ein Stück Selbstpädagogik: Nicht auf das eigene Tor schießen, heißt das, sondern auf den Kasten des Gegners. Und vor dem eigenen Tor sammeln sich ja auch schon wieder allerhand Schützen. Empfehlen die einen, die Personalunion zwischen dem Parteikapitän und dem Kabinettsspielführer Kohl aufzulösen, versuchen andere, mit den erfreulich prallen Konjunktur- und Steuerbällen Mannschaftskameraden zu umdribbeln.

Deshalb spricht zum Beispiel Theo Waigel von der Notwendigkeit eines neuen Schubs. Überhaupt ist das Bedürfnis übermächtig, erst einmal die Köpfe zusammenzustecken, Bilanz zu ziehen, Kassensturz zu machen, einen Rahmen für alles weitere abzustecken. Der Kanzler versucht das gleich am Wochenanfang nach der ersten Präsidiumssitzung seiner Partei – hinter jener roten Kordel, die neuerdings Okulare und Notizblöcke auf angemessenem Abstand hält. Er hat noch zugelegt am Wolfgangsee, er ist braungebrannt, und seine Schläfen bekommen schon so etwas wie eine silberne Patina. Er spricht von dem kommenden Besuch in Moskau, vom Festhalten an den geplanten Reformen und der Verwendung überschüssiger Milliarden für den weiteren Schuldenabbau.