Von Thomas Hanke

Nummer sieben in der Pariser Avenue George V ist eine besonders feine Adresse. Im Erdgeschoß schweben Mannequins von ätherischer Schönheit in die Ateliers von Yves Saint Laurent. Sie fühlen sich der schnöden Wirklichkeit so weit enthoben, daß sie erst nach einem erstaunten Augenaufschlag auf die Frage eines Wesens aus Fleisch und Blut antworten. Fünf Stockwerke über ihrem gepuderten Reich residiert ein Mann, der ebenfalls nur selten in Kontakt mit gewöhnlichen Sterblichen kommt. Alain Mine, Generaldirektor der Cerus-Holding und enger Mitarbeiter Carlo de Benedettis, muß seine Zeit darauf konzentrieren, den von Cerus gesteuerten westeuropäischen Teil des mailändischen Finanz- und Industrieimperiums expandieren zu lassen.

Beim Eintritt in die Cerus-Büros läßt das aufgeregte Getuschel der Sekretäre und Sekretärinnen eher an die Gemächer einer Diva denken. Zum Erstaunen der versammelten Schranzen wird der Besucher tatsächlich vorgelassen. Mine selber ist erfreulich unkompliziert. Der 39jährige hat bereits so viel erreicht und so glänzende Aussichten, daß eine gehörige Portion Arroganz zu erwarten wäre. Doch anders als sein Chef Benedetti, der hinter der großen Geste des Erfolgsmenschen die Unsicherheit des Emporkömmlings verbirgt, verzichtet Mine auf Imponiergehabe.

Innerhalb des verschachtelten Imperiums von Carlo de Benedetti hat er eine Schlüsselstellung inne. Er sitzt im Verwaltungsrat der italienischen Holding Cofide, mit der Benedetti seine gesamten Beteiligungen steuert. Sie reichen vom Computerhersteller Olivetti über europäische und amerikanische Banken bis zu Industrie- und Nahrungsmittelunternehmen. Als Generaldirektor von Cerus leitet Mine die wichtigste Holding Benedettis außerhalb Italiens. Cerus kontrolliert unter anderem den französischen Autoteilefabrikanten Valeo, ein wichtiger Konkurrent von Bosch, und eine Subholding in Spanien, die ihre Fühler in die gewinnträchtigen Sektoren Landwirtschaft und Versicherungen vorgeschoben hat. Vielleicht ist Mine so selbstsicher, weil das rasende Roulette von Unternehmensübernahmen, transatlantischen Finanzkonstruktionen und Rationalisierungen seinen Intellekt nicht voll auslastet und ihn deshalb nicht über Gebühr beeindruckt.

Diese Distanz wirkt aufs Professionelle zurück, dem Mine einen über die schiere Geldheckerei hinausgehenden Glanz verleiht. Von einem US-Unternehmen kaufte er Yves Saint Laurent und machte daraus eine PR-Aktion zur positiven Einstimmung auf Carlo de Benedettis Einzug in Frankreich. Die spröde Finanzoperation gestaltete Mine zur symbolhaften Rückeroberung europäischer kultureller Werte aus den Händen der Amerikaner. Die Franzosen waren begeistert und ließen die Cerus-Holding auch in protegierte Industriebereiche vorstoßen. Ähnliches versuchte Mine, als Benedetti die Société Generale de Belgique übernehmen wollte. Mine stellte den mit Milliardenkrediten ausgetragenen Kampf um die Kontrolle des Unternehmens als epochemachendes Ereignis dar: "Die Unternehmer bereiten 1992 vor, den europäischen Binnenmarkt. Die ‚zivile Gesellschaft’ und nicht die Politiker schaffen Europa."

Zumindest auf den Absolventen der Eliteschule Ecole Nationale d’Administration selbst trifft die Ambition zu, der Politik eine Nasenlänge voraus zu sein. Mine schloß seine Ausbildung mit dem Top-Titel eines Inspecteur de Finances ab, eine Garantie für eine sorgenfreie Karriere auf der höchsten Ebene der staatlichen Verwaltung. Doch diese Aussicht langweilte ihn, deshalb ging er lieber zum Chemiekonzern Saint Gobain, dessen Finanzchef er mit 33 Jahren wurde. 1986 machte Benedetti ihn zum Generaldirektor seiner neugegründeten Cerus-Holding und zum Vizepräsidenten seiner Stammgesellschaft CIR. Eine Management-Karriere, für die andere ihre letzten persönlichen Reserven mobilisieren müssen, scheint Mine eher beiläufig zu durcheilen. Was ihn zumindest ebenso interessiert, ist die Entwicklung der "zivilen Gesellschaft". Diese von Gramsci entlehnte Chiffre für Strukturen mation zu sozialisieren bedeutet, die Mechanismen. zu schaffen, mit denen das staatliche Projekt und die Wünsche der autonomen Gruppen gesteuert und abgestimmt werden...") und obwohl sie bereits zehn Jahre alt ist, liest man die Studie auch heute noch mit Gewinn. Nicht nur, weil das meiste aktuell geblieben ist, sondern weil die Sichtweise so unmodisch geworden ist: eine Gesamtschau technologischer und wirtschaftlicher Umwälzungen zu entwerfen und daraus nüchtern Schlußfolgerungen für das Zusammenleben in der Gesellschaft und die Freiheitsgrade zu ziehen, die sie bietet, ist dem individualistischen Narzißmus der achtziger Jahre ein Greuel.

Mine ist diesem Ansatz treu geblieben. Doch was er vor zehn Jahren schrieb – "Im Universum der Liberalen wird der Markt zur totalitären Zwangsjacke aller Werte" –, steht scheinbar im Gegensatz zu seinen heutigen Auffassungen: "Mehr Gleichheit ergibt sich heute vor allem aus mehr Markt und mehr Wettbewerb." Er weist aber die Nähe zu neoliberalen Thesen strikt von sich und bezeichnet sich als linksliberal. Bezweifelt man das, regt der Generaldirektor sich auf. Ohnehin nicht sehr groß geraten, läßt er sich tiefer in seinen Sessel rutschen und wirkt plötzlich wie ein Wunderkind, das sich in die Chefetage eingeschlichen hat. Mine, der sich auf den Umschlägen seiner Bücher "Industrieller und Journalist" nennt, formuliert dann noch eine Spur gestochener. "Für die Liberalen ist der Markt das Ziel selbst, für mich ein Instrument, um zusammen mit dem Recht zur Gleichheit zu gelangen, einem kardinalen Wert." Sind die konkreten Resultate für die Betroffenen nicht dieselben?