Frieden in Angola, Waffenruhe zwischen Kubanern und Südafrikanern? Nach 13 Jahren Krieg steht der verworrenste Konflikt Afrikas vor einer Lösung. Die überraschende Wende dokumentiert eine am 8. August in Genf veröffentlichte Erklärung, die in dürren Sätzen festhält:

"Die Delegationen einigten sich auf eine Folge von Schritten, die notwendig sind, um den Weg für die Unabhängigkeit Namibias in Übereinstimmung mit Resolution 435 des UN-Sicherheitsrates vorzubereiten und Frieden in Südwestafrika zu schaffen... Angola und Kuba ihrerseits bekräftigten ihre Entscheidung, sich einer bilateralen Übereinkunft zu unterwerfen, die einen für alle Seiten akzeptablen Zeitplan für den stufenweisen und völligen Abzug kubanischer Truppen aus Angola einschließt. Die Parteien haben sich verpflichtet, ein Abkommen über diesen Zeitplan bis zum 1. September 1988 zu erreichen."

Zwar wurde der Termin inzwischen verschoben, sind viele Detailfragen noch offen. Gleichwohl ist diese Übereinkunft das entscheidende Glied in einer langen Kette diplomatischer und militärischer Aktionen, die sich seit der Unabhängigkeitserklärung Angolas am 11.11.1975 zu einem kaum noch entwirrbaren Dickicht gegensätzlicher Strategien, Interventionen und Perspektiven im Krisengebiet des südwestlichen Afrika verwickelt haben. Mit dem Durchhauen dieses gordischen Knotens trennt die Genfer Vereinbarung zunächst die beiden Schwerpunkte des Gesamtkonflikts, die jahrelang bis zur wechselseitigen Paralyse aller Lösungsmöglichkeiten miteinander verklammert waren: die Frage der Unabhängigkeit Namibias von südafrikanischer Herrschaft und die der Präsenz kubanischer Truppen im nördlichen Nachbarland Angola. Die Entstehungsgeschichte beider Problemkreise reicht weit zurück.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erhielt Südafrika vom Völkerbund ein treuhänderisches Mandat für Namibia, verbunden mit dem Auftrag, das ehemalige "Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika" auf seine Unabhängigkeit vorzubereiten. Südafrika ignorierte seine Mandatspflicht von Anfang an; die "Rechte" verjährter kolonialer Herrschaftsformen dagegen reklamierte es weit über das vom Vorgänger Deutschland bezeichnete Maß. hinaus. 1966 entzog die UN-Vollversammlung dem Burenstaat das Mandat. Der Befreiungskampf gegen die damit illegal gewordene Präsenz Südafrikas wurde drei Jahre später vom Sicherheitsrat der Uno als rechtmäßig anerkannt.

Schon 1960 war – nach einem von der südafrikanischen Polizei im namibischen Windhoek angerichteten Massaker – die South West African People’s Organisation (Swapo) gegründet, 1966 auf den bewaffneten Befreiungskampf orientiert und 1973 von der Uno als rechtmäßige Vertretung des Volkes von Namibia anerkannt worden. Südafrika setzte im Gegenzug 1975 in Windhoek die nach ihrem Tagungsort benannte "Turnhallen-Verfassungskonferenz" ein. Sie legte 1977 ohne Beteiligung derSwapo den Verfassungsentwurf für ein "selbstverwaltetes" – nämlich nach den von Südafrika oktroyierten ethnischen und rassischen Kriterien organisiertes – Namibia vor. Vom Sicherheitsrat der Uno wurde dies abgelehnt und ein obligatorisches Waffenembargo gegen Südafrika verhängt. Anstelle des von der Swapo außerdem geforderten Wirtschaftsboykotts riefen die westlichen Mächte des Sicherheitsrats die sogenannte "Namibia-Kontaktgruppe", bestehend aus den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland, ins Leben. Deren wichtigstes Ergebnis war die Verabschiedung der erwähhnten Resolution 435 durch den UN-Sicherheitsrat im September 1978: Empfehlungen zur Dekolonisierung Namibias auf der Grundlage freier, Uno-kontrollierter Wahlen. Südafrika hat die Resolution anerkannt und anschließend vollständig ignoriert. 1983 brach die "Kontaktgruppe" mit dem Auszug der Franzosen auseinander: Sie beendeten aus Protest gegen Amerikas Politik des linkage, eines Junktims zwischen der Unabhängigkeit Namibias und dem Abzug der kubanischen Truppen aus Angola, ihre Vermittlerrolle.

Castros Soldaten stehen spätestens seit August 1975 in wechselnder Stärke in Angola. Am 15. Januar 1975 hatte die neue demokratische Regierung der damaligen Kolonialmacht Portugal mit den drei seit 1961 kämpfenden Befreiungsbewegungen MPLA, FNLA und Unita das Abkommen von Alvor über Angolas Entlassung in die Unabhängigkeit abgeschlossen. In den daraufhin ausbrechenden internen Machtkampf der drei Gruppen griffen auf Seiten der Unita und der FNLA gegen die marxistische MPLA die Vereinigten Staaten mit erheblichen Finanzmitteln und Südafrika durch die militärische Besetzung des südangolanischen Grenzgebiets zu Namibia ein. Auf der anderen Seite gelang es der MPLA mit der rapide anwachsenden Unterstützung durch kubanische Soldaten und mit sowjetischem Kriegsmaterial im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar den Bürgerkrieg zunächst für sich zu entscheiden und Südafrikas Vormarsch zu stoppen.

Seither hing das Überleben der MPLA-Regierung mehr als einmal von der Schlagkraft der verbündeten kubanischen Truppen ab. Südafrika trug – entsprechend seinem offensiven sicherheitspolitischen Rahmenkonzept – die kriegerische Auseinandersetzung mehrmals bis weit in angolanisches Gebiet hinein – letztlich ohne militärischen, aber mit dem politischen Erfolg, die eigene Mißachtung der UN-Resolution 435 immer stärker mit dem Hinweis auf eine "Bedrohung" der namibischen Nordgrenze durch kubanische Truppen rechtfertigen zu können. Diese politische Argumentfigur des linkage zwischen der Entlassung Namibias in die Unabhängigkeit und dem Rückzug Kubas aus Angola fand seit 1981 die Unterstützung der Reagan-Regierung. Für Angola und Kuba ein inakzeptables Junktim: einerseits widerspricht es der UN-Resolution, andererseits geriete – wegen der weiterlaufenden massiven Unterstützung der Unita durch Südafrika und die USA – nach dem Abzug der Kubaner die MPLA-Regierung in die unmittelbare Gefahr einer Niederlage im fortdauernden angolanischen Bürgerkrieg.