Die Daten sind alarmierend. Im vergangenen Jahr waren 700 000 Menschen länger als zwölf Monate ohne Beschäftigung, siebenmal so viele wie 1980. Und die Dunkelziffer liegt vermutlich noch weit höher. Von der rapide zunehmenden Dauerarbeitslosigkeit sind vor allem Arbeiter und Angestellte ohne fundierte Berufsausbildung betroffen.

Das bestehende System der beruflichen Weiterbildung hat daran jedenfalls ebensowenig ändern können wie die Qualifizierungsoffensive, die die Bundesregierung im Dezember 1985 mit großem Trommelwirbel startete. Denn die Un- und Angelernten, die inzwischen mehr als die Hälfte der Arbeitslosen stellen, profitieren kaum von den Milliarden, die seitdem zusätzlich in die Fortbildung und Umschulung flossen. Sie werden im Gegenteil immer mehr ins Abseits gedrückt.

Der Ausleseprozeß, der sich derzeit in Wirtschaft und Arbeitswelt vollzieht, führt also dazu, daß immer häufiger all jene auf der Strecke bleiben, die den wachsenden Anforderungen nicht mehr gewachsen sind: Neben den Un- und Angelernten sind das auch Frauen, Ausländer und Jugendliche ohne verwertbare Ausbildung. Am Ende dieses Prozesses könnten schließlich alle Arbeitslosen zu den nicht mehr konkurrenzfähigen "Ausgegrenzten" der Gesellschaft gehören.

In einer Studie, die dieser Tage erscheint, wird diese bedrohliche Entwicklung nicht nur eingehend und sachkundig geschildert, sondern auch ein Ausweg skizziert:

Frank Glücklich: Kapitulation vor der Dauerarbeitslosigkeit – Welchen Weg nimmt die Bundesrepublik? Herausgeber: Stiftung Berufliche Bildung – Arbeitslosenbildungswerk, Hamburg 1988; 181 Seiten, Schutzgebühr 15,– DM.

Der Autor hat in der 1982 von Senat und Bürgerschaft der Hansestadt Hamburg gegründeten Modelleinrichtung Erfahrungen mit den sogenannten Problemgruppen des Arbeitsmarktes gesammelt. Sein Rezept: Ein eigenständiges "Benachteiligtenprogramm für Erwachsene", das im wesentlichen von Bund, Ländern und Gemeinden finanziert und durch Mittel aus dem Arbeitsförderungsgesetz ergänzt werden soll.

Glücklich belegt mit umfangreichem Material, daß die traditionelle Weiterbildung die besonders Benachteiligten nicht erreicht. Alle pädagogischen, finanziellen und organisatorischen Anstrengungen, so sein Fazit, reichen nicht aus, um ihnen eine Chance im harten Wettbewerb zu geben. Der Autor weist im Gegenteil nach, daß nahezu sämtliche Bildungsanstrengungen in erster Linie den Besserqualifizierten gelten. In der betrieblichen Weiterbildung stellen Un- und Angelernte nur vier Prozent aller Teilnehmer, und auch in der außerbetrieblichen Fortbildung sind sie deutlich unterrepräsentiert. Gerade diese Gruppe aber gerät durch Dauerarbeitslosigkeit in einen Teufelskreis, aus dem es ohne fremde Hilfe kein Entrinnen gibt. Materielle Not, schwindendes Selbstvertrauen, Verschlechterung des körperlichen und seelischen Gesundheitszustandes und der Abbau der Qualifikation, mag sie auch noch so geringfügig gewesen sein, führen zu einem erschreckenden Persönlichkeitsverlust.