Da widdie Wuäss waam

Eine Schnapsidee bringt dem Kieler Semmel-Verlach Millionenauflagen

Lee Iacoccas Erfolgsstory verblaßt dagegen: In kaum vier Jahren mauserte sich "Werner" (ausgesprochen wird er etwa: "Wäna") vom Insidertip zur neuen Kultfigur der deutschen Comic-Szene. Mit rund 3,2 Millionen verkaufter Exemplare der fünf bisher erschienenen Werner-Bücher bricht der Kieler Semmel-Verlach immer tiefer ein in die Domäne der Mickymäuse und Supermänner.

Werners schlichte Lebensphilosophie und sein milder Widerstand gegen die allmächtige Staatsgewalt spricht – in breitem Küstendeutsch einer wachsenden Gemeinde treuer Anhänger offenbar so recht aus der Seele: Genug "Bölkstoff" ist die Hauptsache. Geschniegelte Popper, aber vor allem die "Paragraphen-Heinis vom TÜV" sind ihm verhaßt. Werner fährt nämlich ein aufgemotztes Motorrad, an dem vom Auspuff bis zur "Wurst-Blinkanlage" so ziemlich alles Marke Eigenbau ist, was dem peniblen "Herrn Inschinör" vom Überwachungsverein freilich alles nicht ordnungsgemäß dünkt.

Die Nonsensstrips haben den Kieler Zeichner Rötger Werner Feldmann – genannt "Brösel" – zum reichen Mann gemacht. Seine Figur Werner, die durchaus autobiographische Züge trägt, ist denn auch das Zugpferd des Semmel-Verlachs. Zwar hat er noch fünfzig andere Titel im Programm. "Die laufen aber bei weitem nicht so gut", sagt Ulrike Renneberg, die Pressesprecherin vom Semmel-Verlach.

Clever verstehen es die Verlagsmanager, Werners wachsende Popularität zu vermarkten – ganz im Gegensatz zur lockeren Lebensart ihres jungen Comic-Helden. Als Werner-Zubehör gibt es mittlerweile Poster, T-Shirts, Aufkleber, Buttons, Postkarten und "Semmels Daumenkino". Sogar Computerprogramme mit Werner-Spielen sind auf Diskette lieferbar. Betuchtere Liebhaber schließlich können eine fast lebensgroße Büste ihres Stars ordern. Der Preis: rund 175 Mark.

Der größte und wohl auch verrückteste Werbecoup der Kieler Comic-Verleger steht allerdings erst bevor. Am nächsten Wochenende (2. bis 4. September) "geit dat nu los": Auf dem Flugplatz Hartenholm bei Bad Bramstedt in Schleswig-Holstein soll endlich der Startschuß für "Das Rennen" knallen (Untertitel: "Der größte Knaller seit Ben Hur"), von den Fans heißersehnt, seit es den ersten Band "Werner eiskalt" gibt.

Darin kriegt sich Werner mit Holgi in die Haare, der mit seinem 67er Porsche 911 S (180 PS) Werners "Vorkriegsschrott versagen" will. Gemeint ist ein altes Horex-Motorrad, eine waghalsige Konstruktion aus vier hintereinander montierten Motoren. Mit viel "Flaschbier" wird das Geschoß auf den Namen "Red Porsche Killer" getauft. Die Spielregeln des Rennens werden in einem "Vertrach" festgeschrieben und anschließend besiegelt: "Pros’! Darauf schütten wir ein’."

Da widdie Wuäss waam

Was tatsächlich mit einer Schnapsidee in Holgis (Holger Henze) Kieler Kneipe "Club 68" begann und in einer Bildergeschichte verewigt wurde, erreicht jetzt seinen vorläufigen Höhepunkt mit einer riesigen Freiluftfete. Wohl an die hunderttausend Fans werden erwartet. Rockmusik (BAP, Roger Chapman), Feuerwerk, Kinonächte, Großlagerfeuer und "Mercedes-Benz-Heckflossen-Treffen" sollen auf das legendäre Rennen zwischen Porsche und Horex einstimmen.

Erster Leckerbissen vorweg: Ein bis unter das Dach mit Bier vollgeladener 500-PS-Laster soll über 27 Motorräder fliegen. Wichtiger Teil des Gesamtkunstwerkes werden aber die Werner-Jünger selbst sein. In Workshops sollen sie Werner-Figuren lebensecht basteln. Und unter den zusammengeschusterten Motorrädern, die sie mitbringen, wird die schönste Maschine – ohne TÜV – prämiert. O-Ton Werner: "Da widdie Wuäss waam!" Auf gut deutsch: Da geht die Post ab.

Beeindruckend ist schon vor dem "Mordsspektakel" die Professionalität, mit der der kleine Verlag die Werbetrommel gerührt hat. "Allein wären wir mit der Organisation völlig überfordert gewesen", gesteht Ulrike Renneberg. Deshalb heuerte der Verlag einen professionellen Organisator an und gründete eigens die "Semmelbrösel ‚Das Rennen‘ GmbH Veranstaltungsbetrieb". Der Rummel wird sich jedoch bezahlt machen, selbst wenn die gigantischen Vorlaufkosten durch den Kartenverkauf nicht wieder hereinkommen: Für reichlich Publicity werden schließlich Presse und mehrere private Rundfunksender sorgen, die auf dem Hartenholmer Flughafen ihre Ü-Wagen und Korrespondenten stationiert haben. Stefan Wichmann