/ Von Christoph Bertram

Moskau, im August

N Noch erholt sich Michail Gorbatschow auf der Krim. Moskau hat Sommerpause. Die Zurückgebliebenen in den Amtsstuben lassen doch durchblicken, die letzten Monate seien sehr hektisch gewesen. Nun warten sie darauf, daß der Mann, der seit drei Jahren immer wieder aufs neue das Schwungrad der sowjetischen Politik in Bewegung gebracht hat, mit frischer Kraft in den Kreml zurückkehrt.

"Bald haben wir den Punkt erreicht, an dem die Reform nicht mehr rückgängig gemacht werden kann", sagt optimistisch ein Gorbatschow-Berater. Aber er fügt zugleich besorgt hinzu: "Befürworter und Gegner wissen das, deshalb machen die Gegner auch zur Zeit mobil." Im Innern werden nach einer weit verbreiteten Einschätzung die nächsten zwei Jahre über das Schicksal des neuen Kurses entscheiden – darüber, ob den ehrgeizigen Ankündigungen über besseres Wirtschaften und bessere Versorgung Erfolg winkt. Und auch in der Außenpolitik muß sich einiges entscheiden.

Wer wird im November zum amerikanischen Präsidenten gewählt? Es ist ungewiß, was aus dem weitreichenden Plan am Ende wird, die strategischen Raketenarsenale beider Weltmächte um die Hälfte zu verringern. Das Verhältnis zu Westeuropa aber, der Entwurf für das "gemeinsame europäische Haus"? "Wir wollen niemandem vorschreiben, welche Tapete er haben will", sagt weise und vage ein erfahrener Parteifunktionär. Im übrigen werde der Generalsekretär nach seiner Rückkehr aus den Ferien im September eine Reihe von Reden halten – auch zum Thema Europa.

"Westeuropa ist nun einmal unser natürlicher Partner, auch wirtschaftlich und technisch", heißt es dann. Der Besuch des Bundeskanzlers Ende Oktober wird deshalb begrüßt, wiewohl niemand große Erwartungen an ihn knüpft. Immerhin: "eine neue Seite" soll aufgeschlagen werden. Was neben dem Atmosphärischen das "Neue" sein könne, darüber denken die Moskauer Politikplaner derzeit nach.

Einen grundsätzlichen Wandel des Verhältnisses zu Westeuropa verspricht sich die Sowjetführung weniger von neuen außenpolitischen Initiativen als vielmehr vom Abbau der militärischen Konfrontation in Europa, gerade bei den konventionellen Waffen: Panzern und Flugzeugen, Kanonen und Divisionen. Seit Anfang 1986 hat Michail Gorbatschow in immer neuen Reden und Anstößen ein Konzept entwickelt, das nun in Umrissen feststeht und im Prinzip langjährigen westlichen Vorstellungen und Wünschen sehr nahe kommt: Die konventionelle Rüstung soll in ganz Europa – vom Atlantik zum Ural – drastisch so weit zurückgestutzt werden, daß Nato und Warschauer Pakt nurmehr verteidigen, nicht aber angreifen können. Die Übergewichte bei bestimmten, dem Angriff besonders dienlichen Waffen sollen beseitigt, das militärische Kräfteverhältnis auf gleiches, niedrigeres Niveau zurückgeführt werden.