Am lieblichen Genfer See soll ein kriegerischer Konflikt entschärft werden

Von Dietrich Strothmann

Genf, Ende August

Das hatte die Stadt noch nicht erlebt. Sonst wird im "reichsten Nest der Welt" mit Namen Genf lautlos Profit gemacht. Wo einst Jean Jacques Rousseau, Johannes Calvin und Henri Dunant für weltweites, doch hauptsächlich friedliches Aufsehen sorgten, brachen Fensterscheiben entzwei, flogen Steine, schwabberten Tränengaswolken durch die Straßen, schlugen Polizisten mit Knüppeln zu. Wie sonst nur in Zürich oder in Basel ging es diesmal auch in Genf rund: Jugendliche Demonstranten liefen Sturm gegen den 21. Kongreß der rechtsextremen "Antikommunistischen Weltliga", die sich in einem Hotel in Flughafennähe eingenistet hatte, von Ronald Reagan und Alfredo Stroessner per Telegramm ermuntert, es den "bösen Roten" mal wieder zu zeigen. Hauptredner war der sonst vergessene südvietnamesische Ex-Präsident Nguyen Van Thieu. Genf jedenfalls hatte seine Sensation, seine erste Straßenschlacht. Sie war den Zeitungen viele Schlagzeilen wert und verdeckte, für einen Tag immerhin, ein anderes Zusammentreffen, das durchaus größere Aufmerksamkeit verdient hätte.

Doch damit sind die ruheverwöhnten, bedächtigen Genfer eben seit langem vertraut, daß sich bei ihnen die Großen der Welt versammeln, wie zuletzt Reagan und Gorbatschow, oder daß in ihren Mauern die großen Konflikte der Welt friedlich beigelegt werden, wie zuletzt der Krieg um Afghanistan. War sonst noch was? – fragen sich die vom internationalen Flair eingenebelten Genfer jeden Morgen nach Lektüre ihrer Zeitungen, wo Weltpolitik wie ein Lokalereignis behandelt wird. Außer Genf fast nichts gewesen.

Alltäglich beinahe war denn auch der Beginn der irakisch-iranischen Friedensgespräche im ehemaligen Völkerbund-Palais. Immerhin geschah das nach einem achtjährigen, erbarmungslosen Krieg, der schätzungsweise eine Million Menschen das Leben kostete, der beide Staaten nah an den wirtschaftlichen Zusammenbruch brachte und die Gefahr eines Zusammenpralls der Supermächte heraufbeschwor. Es war also kein übliches Geplänkel gewesen, unter das jetzt in Genf ein Schlußstrich gezogen werden sollte. Es geht um die Folgen des längsten und blutigsten Konfliktes seit dem Zweiten Weltkrieg. UN-Generalsekretär Pérez de Cuéllar hatte die Sache der Aussöhnung zwischen den beiden Todfeinden sogar selber in die Hand genommen, als Vermittler im direkten Gespräch und als Briefträger in getrennten Beratungen, je nachdem. Doch schon am Tag nach der Eröffnung der Verhandlungsrunde waren die Genfer wieder zur Tagesordnung übergegangen.

Viel, zuviel hatte sich der inzwischen erfolgsgewöhnte Generalsekretär als Friedensstifter vorgenommen: Nach der schwierigen Einigung über den Waffenstillstand am Golf wollte er sofort mit der Genfer Konferenz beginnen, möglichst Auge in Auge mit den ehemaligen Kriegsgegnern. In drei Monaten bereits, so seine utopische Zeitrechnung, sollten alle Einzelheiten der UN-Resolution 598 unter Dach und Fach sein: Truppenrückzug hinter international anerkannte Grenzen, Gefangenenaustausch, Klärung der Kriegsschuldfrage, Reparationsleistungen und als Krönung ein "umfassender, gerechter, ehrenvoller" Friedensvertrag.