Von Ivan Nagel

Goethe, zu dessen vorherrschenden Tugenden Dankbarkeit nicht gehörte, zeigte sich, so Eckermann, "sehr gut und liebevoll", als ein junger, verblüffend junger Mann die "Fähigkeit" bewies, "sogar das zu sehen, was ich nicht ausgesprochen und was sozusagen nur zwischen den Zeilen zu lesen war. Wie richtig hat er bemerkt, daß ich in den ersten zehn Jahren meines weimarischen Dienst- und Hoflebens so gut wie gar nichts gemacht, daß die Verzweiflung mich nach Italien getrieben und daß ich dort mit neuer Lust zum Schaffen die Geschichte des Tasso ergriffen; um mich in Behandlung dieses angemessenen Stoffes von demjenigen frei zu machen, was mir noch aus meinen weimarischen Eindrücken und Erinnerungen Schmerzliches und Lästiges anklebte." Also bedachte Goethe, wie uns weiter erzählt wird, "mit großer Anerkennung" den jungen Jean Jacques Ampere, der ihn auf eine kühne und indiskrete (aber laut Goethe auch "praktische und menschliche") Weise in der Krise seiner Kunst und Biographie genauer als die anderen verstand.

Vor neunzehn Jahren gastierte beim Festival "experimenta" Peter Steins Bremer Inszenierung des "Torquato Tasso", mit Bruno Ganz als Tasso, Jutta Lampe als Prinzessin, Edith Clever als Leonore Sanvitale: hier, in diesem Raum. Wochenlang wurde danach die deutsche Theaterkritik von dem Disput zerrissen, ob Goethe in Schutz genommen werden müsse gegen den, der heute in seinem Namen bekränzt wird. Die "Aggression" des Regisseurs, schrieb Siegfried Melchinger, "richtet sich gegen diejenigen, denen Goethe und ‚Tasso‘ teuer sind."

Es wurden Goethes Gestalten, schrieb Joachim Kaiser, "in eine Mischung aus Dummköpfen und Spinnern verwandelt." Wir im andern Lager meinten, "bei der ‚Tasso‘-Premiere die wegweisende Klassikeraufführung dieser Tage" gesehen zu haben. Als junger, verblüffend junger Mann begriff Peter Stein 1969 in "Torquato Tasso" nochmals das Stück über das "Dienst- und Hofleben" seines Verfassers. Aber er weiterte es aus, die Zeilen genau lesend, darum zwischen den Zeilen lesend, zu einem Pamphlet über alle obrigkeitlich geförderte und geregelte (im Normalfall bedauernd gemaßregelte) Kunstproduktion, zu einem Poem über den Willen zur eigenwilligen Kunst und über das Leiden an nur gut gelittener Kunst.

I.

Stein hatte, nach zwei unverkennbar genialen Inszenierungen, den Rausschmiß aus den Münchner Kammerspielen hinter sich: weil er in den Aufführungen von Peter Weiss’ "Vietnam-Diskurs" Spenden für Waffen an den Vietcong sammeln ließ. So war "Tasso" auch für ihn ein "angemessener Stoff", erinnernd an "Schmerzliches und Lästiges". Ich sehe Stein vor mir im Herbst 68, in meinem Dramaturgenzimmer des Theaters, aus dem er exiliert war, schulterlanges Haar um das in Weiß gemeißelte Gesicht, wie er mir testend, ohne Kommentar mitteilt, er wolle oben im Norden "Tasso" inszenieren. Ich riet ihm beredt und erschrocken ab. Das Stück sei auf jegliche Wirklichkeit hin undurchdringlich: eine Kammeroper, versperrt in der vollkommenen Hülle seiner Verse. Er bespähte und verwarf meine Meinung. Er inszenierte "Tasso" an einem subventionierten Staatstheater mit Barockthema, Goethezeitkostümen und einer radikal neuen Körper- und Sprachgestik gleichzeitig als Stück über den Dichter Tasso, über den Hofpoeten Goethe und über den Theatermacher Bruno Ganz oder Peter Stein so, daß danach Theatermachen in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr dasselbe hieß wie davor.

Probenberichte der Schauspieler trösten mich über meinen gräßlichen Irrtum. Auf die Frage "Wie hat auf Sie anfangs die Beschäftigung mit dem Stoff gewirkt?" antwortete Edith Clever: "Kunstwerk, kultiviert, klug. Form auffallend, nicht der Inhalt." Jutta Lampe: "Wie sollte man in dieses Stück einsteigen? Alles war sehr fremd, sehr schön und ungeheuer weit weg. Die Änderung geschah während der Arbeit mit Peter Stein. Für ihn war das wesentliche Thema des Stückes: ‚die Stellung des Künstlers innerhalb der Gesellschaft‘, also eine Problematik, die für uns Künstler ebenso zutrifft wie für Goethes Tasso." Dazu die Korrektur von Bruno Ganz: "Das Bewußtsein, 200 Jahre später zu leben, hat sich bei keiner Arbeit an Klassikern so bemerkbar gemacht wie bei ‚Tasso‘. Normales Produktionsverfahren: Der Abstand wird als störend empfunden, er lähmt die Arbeit. Das Selbstverständnis solcher Produzenten geht dahin, sich darüber hinwegzuhelfen’ (z. B. Aktualisierung). Der sinnvollere und ehrlichere Weg aber wäre: Nicht als Störung sollte der Abstand verdrängt, sondern als die Voraussetzung uns bewußt werden."