Von Joachim Nawrocki

West-Berlin, Ende August

Wer – und was – kommt nach Erich Honecker? Die Frage wird ebenso hartnäckig wie ratlos gestellt, in der Bundesrepublik übrigens häufiger als in der DDR, wo man genauer weiß, daß die Ratschlüsse der Partei ewig unerforscht bleiben werden. Die Nachfolgedebatte ist aktuell und ist es doch nicht. Gewiß, die Führungsspitze der SED ist so überaltert und erstarrt, wie sie es in der Sowjetunion am Ende der Breschnjew-Ära war. Daß die Riege der 70- bis 80jährigen alten Herren noch durchweg gesund sei, will niemand behaupten. Willi Stoph, Horst Sindermann, Erich Mielke, aber auch der 61jährige Günter Mittag – sie machen wohl nur aus Pflichtgefühl weiter oder weil sie wissen, daß der Abgang aus dem Zentrum der Macht bedeutet, sofort vergessen zu werden. Aber Alter und Krankheit waren in der SED-Spitze noch selten ein Grund fürs Rentnerdasein, und folglich gehen Spekulationen häufiger ins Auge.

Der Abgang von Staatssicherheitsminister Mielke ist schon 1976 gemeldet worden; er amtiert noch heute und hat zwei potentielle Nachfolger überdauert. Auch die Ablösung von Ministerpräsident Stoph ist häufig vorhergesagt worden, und er ist weiter im Amt. Der Wirtschaftsfachmann Günter Mittag konnte erst in diesem Frühjahr Nachrufe in der westlichen Presse lesen, verfrüht, wie sich zeigte. Und Egon Krenz galt lange Zeit als enterbter Erbe, doch neuerdings scheinen seine Chancen wieder zu wachsen. Aber Erich Honecker ist offenkundig nicht daran interessiert, das Personalkarussell in Gang zu setzen. Sie alle, die im SED-Politbüro sitzen, 22 Vollmitglieder und fünf Kandidaten, könnten noch ein paar Jahre so weitermachen, sofern der Tod nicht einen aus ihrer Mitte reißt.

Aktuell ist die Nachfolgefrage aus ganz anderen Gründen: In Moskau herrscht Häresie, geheiligte Prinzipien des Marxismus-Leninismus werden nicht nur in Frage gestellt, sondern als unbrauchbar verworfen, und es wird Ernst gemacht mit den neuen Lehren. Wie lange kann sich die DDR abseits halten, nachdem in Ungarn, der Tschechoslowakei und in Polen die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen öffentlich zugegeben und zum Teil schon befolgt wird? Ist von den alten Genossen neues Denken zu erwarten? Und wo sind die Jüngeren, die trotz sozialistischer Erziehung und deformierender Parteikarriere offen, flexibel und selbstbewußt genug geblieben sind, um sich jener Auseinandersetzung zu stellen, die immer mehr Bürger fordern? Das "Ritual der Selbstbestätigung und Selbstbeschwichtigung" müsse durchbrochen werden, sagte Probst Heino Falcke kürzlich auf einem Kirchentag in Erfurt, und er sprach für viele.

Noch läßt ein solcher Durchbruch auf sich warten. Zwar gibt es hier und dort, auch in Parteiveranstaltungen, offenere Worte, stellen sich intelligentere Funktionäre auch mal kritischen Fragen, wenn es keine zu große Öffentlichkeit gibt. Die liebsten Gesprächspartner sind ihnen natürlich westliche Politiker und Wissenschaftler, das ist so schön weltoffen und unverbindlich. Aber wo zu befürchten steht, daß sie wirklich gefordert werden, machen sich die SED-Genossen rar. Zu den Kirchentagen in diesem Sommer waren sie eingeladen, blieben aber fern. Es hätten ja Fragen der Friedenspolitik und Ausreiseproblematik, nach Umweltschutz oder Wehrersatzdienst oder gar nach Glasnost und Perestrojka gestellt werden können. Auf solche Fragen antwortet die Partei der Arbeiterklasse nicht. Das ist zwar überaus kontraproduktiv, aber es gehört zum System: Das Volk ist unmündig, für Vater Staat und Mutter Partei gibt es keinen Rechtfertigungszwang.

Doch es gibt auch Entwicklungen, die aufmerken lassen. So wird in der DDR die Einführung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit zumindest diskutiert. Bislang können Bürger behördliche Entscheidungen nicht gerichtlich überprüfen lassen, sondern allenfalls Eingaben oder Beschwerden schreiben. Ist das schon ein bißchen Perestrojka? Gorbatschows Perestrojka-Buch und eine Ausgabe seiner Reden wurden in der SED-Zeitschrift Einheit positiv besprochen, und die Rezension erschien dann auch in der größten, wenn auch am wenigsten gelesenen Zeitung der DDR, im SED-Blatt Neues Deutschland.