Von Fredy Gsteiger

Genf, Ende August

Ganz hinten im Ariana-Park um den Genfer Palast der Vereinten Nationen steht die alte Villa "La Pelouse"; viele Jahre diente sie nur noch als Rumpelkammer. Bauarbeiter sind eben dabei, das lecke Dach abzudichten. In einigen Büros lassen geflieste Wände die früheren Badezimmer noch erkennen. Hier ist Prinz Sadruddin Aga Khan mit 25 Mitarbeitern damit beschäftigt, die aufwendigste und teuerste UN-Aktion aller Zeiten auf die Beine zu stellen: die Rückkehr von über sieben Millionen Afghanistan-Flüchtlingen. Erste konkrete Schritte beginnen diese Woche.

"Jedesmal, wenn ich Leute ihre Sachen für die Heimkehr packen sehe, erlebe ich ein Gefühl unheimlicher Befriedigung", erklärt Prinz Sadruddin Aga Khan. Ernst, besonnen und würdevoll wirkt der 55jährige Prinz, dessen Neffe, Prinz Karim Aga Khan, religiöses Oberhaupt der 15 Millionen Ismaeliten ist. Obschon er seine iranische Abstammung keineswegs verleugnet, wirkt der in Paris geborene, seit Jahren in Genf lebende Sadruddin durchaus abendländisch. Vom religiösen Engagement der Familie, deren Abstammung sich in der 51. Generation direkt auf Mohammed zurückverfolgen läßt, hält er sich fern. Auch damit erweist sich Sadruddin Aga Khan als vollendeter Diplomat: Nirgendwo bindet er sich zu eng, mit allen aber kann er reden, geduldig geht er auf jeden Gesprächspartner ein, vermag er zu gewinnen und zu überzeugen zugleich.

Diese Eigenschaften sind für seine neue Rolle als UN-Koordinator der Afghanistanhilfe unentbehrlich; verständlich, daß UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar gerade ihn auf diesen Posten gesetzt hat. Zum einen verfügt er als langjähriger Flüchtlingshochkommissar (1966 bis 1977) über einschlägige Erfahrung. Zum anderen wird sein diplomatisches Fingerspitzengefühl gleich an drei Fronten gefragt sein: einmal in den Beziehungen zu den betroffenen Regierungen Irans, Pakistans, Afghanistans und der Sowjetunion sowie den Mudschaheddin-Führern. Zum zweiten muß der Prinz die Regierungen der Welt überzeugen, möglichst unverzüglich 1,16 Milliarden Dollar und innerhalb der nächsten drei Jahre weitere 839 Millionen zur Verfügung zu stellen – Summen, die alle bisherigen UN-Spendenaufrufe weit übertreffen. Drittens schließlich muß Sadruddin die Anstrengungen der oft unter sich rivalisierenden UN-Organisationen zu wirkungsvollen gemeinsamen Vorhaben bündeln.

Mit seinem bescheidenen Stab vermag er selbst wenig auszurichten. Die Knochenarbeit werden das Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR), die Weltgesundheitsorganisation, das Welternährungsprogramm, die UN-Entwicklungsorganisation FAO, Unicef und Unesco leisten müssen. Nachdem in den Genfer Afghanistanverträgen das UNHCR als einzige Organisation ausdrücklich erwähnt ist, machte man sich dort unter dem als energisch bekannten Hochkommissar Jean-Pierre Hocke verständlicherweise Hoffnungen, die Federführung der humanitären Afghanistan-Aktionen zu übernehmen. Daß ihnen mit Sadruddin eine Instanz vor die Nase gesetzt worden ist, scheint aber inzwischen beim UNHCR verwunden. Vize-Hochkommissar Arthur Dewey spricht davon, daß seine Organisation nachgerade "froh" über den Koordinator ist. Der für den Mittleren Osten zuständige Direktor Juan Amunategui schließt aus dessen Ernennung, daß die Uno lernfähig sei und die richtigen Schlüsse aus dem mangels Koordination zum Trauma gewordenen Kambodscha-Hilfschaos gezogen habe. Einen Autoritätskonflikt will also niemand wahrhaben (auch wenn er mitunter im Alltag aufscheinen mag). Das spricht für das Talent des Prinzen, zu versöhnen und im Sinne der Sache auszugleichen.

Als er mit 33 Jahren zum Flüchtlingshochkommissar ernannt worden war, rechnete Sadruddin damit, das Flüchtlingsproblem – Altlast des Zweiten Weltkrieges – "ein für allemal befriedigend zu lösen und somit das UNHCR überflüssig zu machen". "Noch ist es nicht soweit", merkte er zwölf Jahre später bei seinem Rücktritt an. Die Erfahrung schützt ihn jetzt vor übersteigerten Hoffnungen. Das Konzept, das der im Frühsommer ernannte Afghanistan-Koordinator erläutert, nimmt sich nämlich bemerkenswert zurückhaltend aus. Die von den Geldgebern verlangte Summe von zwei Milliarden Dollar läßt zwar aufhorchen, entspricht aber, wie Sadruddin vorrechnet, nicht einmal dem, was Afghanistan während der acht Jahre Krieg an Entwicklungshilfe entgangen ist.