Wienerwald-Gründer Friedrich Jahn denkt erstmals an einen langsamen Rückzug

Die Meldung war durch Indiskretionen frühzeitig an die Öffentlichkeit geraten – trotzdem wurde sie sofort bestätigt: Friedrich Jahn, der Gründer der Wienerwald-Restaurantkette, bestritt keine Sekunde, daß er einen potenten Gesellschafter für seine Hähnchenbratereien braucht, und der Dienstleistungsunternehmer Peter Dussmann bestätigte ohne Umschweife, es gebe konkrete Verhandlungen, Jahns Wienerwald zu übernehmen. Doch daß sich diese beiden Münchener Seifmade-Unternehmer einig werden, ist eher unwahrscheinlich. Denn Jahn ist ungeduldig und will die Entscheidung unbedingt noch bis zum 15. September übers Knie brechen. Der bedachte Dussmann, der Gebäude reinigt, Altenheime betreibt und Verpflegungsservice bietet, weiß aber, daß er bis dahin mit der nötigen Prüfung des Wienerwald niemals fertig sein wird.

Doch die Frage, an wen der Hähnchenbrater Jahn seine Gastronomiekette mit ihren 250 Betrieben in der Bundesrepublik verkaufen will, ist vergleichsweise unwichtig. Viel wesentlicher ist im Moment, daß der 65jährige überhaupt ans Aufhören denkt. Denn bisher hielt sich der vom kleinen Kellner zum gefeierten Großunternehmer aufgestiegene Jahn für ganz und gar unentbehrlich. Selbst nachdem sein immer unübersichtlicher gewordenes Imperium aus Restaurantketten, Immobilienfirmen und Reisebüros 1982 wie ein Kartenhaus zusammengebrochen war, gab er den Kampf um sein Comeback nicht auf. Nach vier Jahren hatte er den deutschen Teil zurückerobert und erzählte hinfort voller Glück: "Ich komme wieder."

Der rundliche Nachkriegsaufsteiger hielt sich selbst auch nach dem Zusammenbruch noch für das beste Zukunftskonzept im Wienerwald und zudem für ein biologisches Wunder. Mit echtem Unverständnis pflegte er Frager abzufertigen, die wissen wollten, wie er es denn mit seiner Nachfolge halte. Mit den Worten, "In meiner Familie ist keiner unter 86 gestorben", machte der 1922 in Linz geborene Oberösterreicher noch vor wenigen Monaten klar, daß es mit seinem Nachlaß noch reichlich Zeit habe. Jetzt aber redet er plötzlich sehr viel demütiger: "Man sieht es in den Zeitungen: Die Todesinserate rücken immer näher an meinen Jahrgang heran."

Den alten Kämpfer und unberechenbaren Alleinherrscher hat aber wohl nicht nur die Einsicht in seine physischen Grenzen zum Umdenken gebracht. Seine Berater haben dem notorischen Berufsoptimisten offenbar auch klargemacht, daß es die geplante Wiederholung des alten Erfolges aus der Nachkriegszeit nicht mehr geben kann.

Was er heute in den Händen hält, ist nur ein Bruchstück seines alten Imperiums, zu dem in den Jahren der wilden Expansion weltweit einmal mehr als 1500 Gastronomiebetriebe gehörten. Im wirtschaftlich interessantesten Teil des alten Wienerwalds – den Restaurants, Autobahnraststätten und Hotels in Österreich – regiert mittlerweile die Münchener Unternehmerin Renate Henne. Die Gesellschaftsdame hatte unter ihrem damaligen Namen Thyssen 1986 den Sanierungsfall von den Gläubigerbanken günstig gekauft und schnell die kahlen Stellen im großen Wienerwald entdeckt. Die dicke Verluste schreibende deutsche Firmengruppe gab die clevere Dame nur vier Wochen nach ihrem Einstieg gern an den schon ungeduldig wartenden Ex-Eigner Jahn weiter.

Der ging auch dankbar ans Werk – unbeirrbar, mit markigen Worten, viel Idealismus und wenig Geld, denn in seinen deutschen Restaurants, die 1985 fast dreißig Millionen Mark Verlust gemacht hatten, war nichts mehr zu verdienen. Zwar behauptet der Hühnerbrater heute, der deutsche Wienerwald sei nach zwei Jahren unter seiner Regie "wieder in den schwarzen Zahlen". Doch selbst Jahn hat inzwischen eingesehen, daß seine Kapitaldecke viel zu dünn ist, um den Wienerwald zu modernisieren und vom fetttriefenden Nimbus zu befreien. Allein für die anstehende Renovierung von etwa dreißig Betrieben benötigt er fünfzehn bis zwanzig Millionen Mark. Wenn er es aus dem laufenden Geschäft finanzieren will, braucht er für die überfällige Auffrischung drei bis vier Jahre. Mit einem Kapitalgeber will Jahn es in einem Jahr schaffen. Aber Jahn wäre nicht er selbst, hätte er die Absicht, den Wienerwald zu verkaufen und sich zur Ruhe zu setzen. Trotzig besteht er darauf, daß ein neuer Gesellschafter sich einstweilen mit weniger als fünfzig Prozent der Anteile zu begnügen habe. Denn Jahn will "auf alle Fälle zwei oder drei Jahre" der Herr im Hause bleiben.Karl-Heinz Büschemann