Von Ute Scheub

Hamburg

Hier wird das Opfer auf die Anklagebank gesetzt", erregt sich Arne W. gleich zu Anfang des Prozesses vor dem Amtsgericht Hamburg-Harburg. Der junge Mann, 24 Jahre alt, Träger eines bequem kurzen Haarschnitts und der unbequem langen Berufsbezeichnung "Reservelokführer-Anwärter", wirkt eigentlich eher schüchtern. In Wallung gebracht hat ihn anscheinend der Anblick des Nebenklägers: Krankenhausreif geschlagen hat ihn der Zivilfahnder Gerhard St., 30 Jahre alt, der ihm jetzt gegenüber sitzt. Und der Staatsanwalt verliest die Anklage wegen Beleidigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung.

Der Presse war der zu verhandelnde Vorfall in der Nacht des 18. September 1987 nur eine kleine Notiz wert gewesen. Eine Gruppe von Punkern habe versucht, in die Turnhalle der Schule Göhlbachtal einzubrechen, mehrere Randalierer hätten festgenommen werden müssen, schrieben Journalisten damals aus dem Polizeibericht ab. "Alles grundfalsch", sagt der Verteidiger von Arne W. "Die Polizei hat wissentlich unwahre Behauptungen weitergegeben." Weder die Punker noch den Einbruch habe es gegeben, nur ein paar harmlos auf dem Schulgelände feiernde Jugendliche und einen falschen Alarm.

Arne W. kam damals entgegen seiner Absicht nicht mehr zum Feiern. Als er auf dem Schulparkplatz eintraf, hielten ihn die Polizisten einer Funkstreife und eines zivilen Einsatzwagens an. Sie überprüften wegen des angeblichen Einbruchs in der Turnhalle seine Personalien und leuchteten das Gelände mit Taschenlampen ab. Vom Licht angelockt, kamen etwa zehn jugendliche Festteilnehmer neugierig näher. Die Stimmung sei gelöst gewesen, überhaupt nicht aggressiv, erzählt der Angeklagte vor Gericht. Nur einer sei "total betrunken" gewesen. Wohl ohne recht zu merken, was er tat, habe der die Antenne des Zivilwagens abgeknickt. Sofort, ohne den Versuch einer Personalienfeststellung, sei er von einem Zivilbeamten gepackt und mit Gesicht und Körper mehrfach auf die Karosserie des Wagens gestoßen worden. Als die Umstehenden den Beamten wegzogen, um ihn von weiteren Mißhandlungen abzuhalten, habe der seine Dienstpistole gezogen. "Er fuchtelte völlig planlos in der Gegend ’rum und schrie: ich schieße, ich schieße", berichtet der Angeklagte.

Alle seien sie erschrocken, vor allem der Antennenknicker. Dessen Freund habe ihn dann am Arm langsamen Schrittes beiseite führen wollen. Da plötzlich habe ein anderer Polizist nachgesetzt, den einen Jugendlichen gepackt, den anderen weggestoßen und mit Tränengas attackiert. Einem dritten, der zwei Meter daneben stand, sei Reizgas in den geöffneten Mund gesprüht worden. "Der muß ziemlich viel abgekriegt haben, er hat total geschrien und lag auf dem Boden", sagt Arne W.

Er selbst habe zu dieser Zeit "ziemlich dumm" abseits des Geschehens gestanden, fährt Arne W. fort. Er habe gesehen, wie der zuerst Attackierte erneut mit Tränengas beschossen wurde und dann mit seinem eigenen Gassprühgerät zurückschoß. Als der dann von mehreren Polizisten "zusammengetreten" wurde, "habe ich sinngemäß gerufen: ‚Da werden ja Nazimethoden angewendet!’ Sofort kam ein Ziviler auf mich zu. Ohne Vorwarnung hat er mir. ins Gesicht geschlagen, mich am Kragen gepackt und vor sich hergestoßen. Daraufhin, weil mir nichts anderes einfiel, habe ich ihn zurückgeschlagen, mit der Faust in sein Gesicht. Dann kam noch einer dazu oder mehrere, die auf mich einschlugen. Ich lag schon und fragte: ‚Was soll denn das?’, da traten sie weiter auf mich ein. Einer hat mir mit der Hand am Hals die Luft weggedrückt".