Von Heinz-Günter Kemmer

Sie freuen sich natürlich über den Boom – so richtig genießen können sie ihn jedoch nicht. Dazu ist er den Stahlbossen der Bundesrepublik zu unheimlich. Denn sie wissen nicht genau, warum ihr Geschäft plötzlich so gut läuft, und sie wissen auch nicht, wann der Aufschwung endet. Ursprünglich hatten die Stahlkonzerne damit gerechnet, in diesem Jahr 35 bis 36 Millionen Tonnen produzieren zu können, jetzt ist von vierzig Millionen Tonnen die Rede – rund zehn Prozent mehr als 1987. Ruprecht Vondran, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, gesteht deshalb freimütig ein: "Wir haben sogar in der Tendenz falsch gelegen."

Stahl, seit 1975 weltweit im Überfluß angeboten, ist beinahe über Nacht zur Mangelware geworden, obwohl die Produktion in den 31 wichtigsten Stahlländern der westlichen Welt bis Ende Juli bereits um mehr als zehn Prozent gesteigert worden war. Dabei liegen die Vereinigten Staaten mit einem Plus von 19,2 Prozent vor Südkorea mit 18,6 Prozent an der Spitze. Aber auch die Bundesrepublik mischt bei einer Zuwachsrate von 9,2 Prozent ganz gut mit.

Mit dem inländischen Verbrauch allein ist das Phänomen nicht zu erklären. Heinz Kriwet, Vorstandsvorsitzender des Branchenführers Thyssen Stahl und gleichzeitig Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung, sah die Ursache denn auch zunächst in einer Lageraufstockung. Die ist freilich nach Vondrans Meinung "statistisch nicht nachvollziehbar".

Inzwischen ist den Männern an der Spitze der Wirtschaftsvereinigung aber ein anderer "Verdacht" gekommen. Die Importe, die im ersten Quartal noch um 2,5 Prozent stiegen, könnten zurückgegangen sein. Ein Wunder wäre das nicht, denn auf dem Weltmarkt wird Stahl – wie immer in Boomzeiten – zu höheren Preisen gehandelt als in der Bundesrepublik.

Aber die kräftige Zunahme der Auftragseingänge – sie stiegen im ersten Halbjahr um 17,1 Prozent – läßt auch auf spekulative Bestellungen schließen. Die Stahlverbraucher rechnen mit weiter steigenden Preisen und wollen sich durch vorgezogene Bestellungen absichern.

Für die Männer an den Ofen und Walzstraßen läuft der Boom wie gewohnt ab. Zuerst verschwindet die Kurzarbeit, dann kommen die Überstunden. Aber obwohl die Stahlunternehmen an den Grenzen ihrer personellen Kapazitäten arbeiten, wie Kriwet sagt, wird an Neueinstellungen nicht gedacht. Die einzige Konzession der Konzerne besteht darin, daß mehr Auszubildende als ursprünglich geplant nach Abschluß der Lehrzeit einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen.