Von Uwe Wolf

Frankfurt am Main

Selbst die in Sachen Kriminalität hartgesottenen Frankfurter staunten nicht schlecht, als sie letzte Woche von dem "Post-Coup" in der Mainmetropole erfuhren: Als Postbeamte getarnt, hatten Mitglieder einer Ganovenbande über neun Monate hinweg mehr als tausendmal Briefkästen vor allem im Bankenviertel und den Industrievororten illegal geleert. Das Interesse der Täter galt dabei weniger der Privatkorrespondenz der Frankfurter als vielmehr den per Post verschickten Verrechnungsschecks. Mindestens zwei Millionen soll die aus zirka dreißig Mitgliedern bestehende Postkasten-Gang nach Aussagen der Staatsanwaltschaft zusammengeklaut haben.

Besondere Brisanz erhielt der skurrile Postraub, als bekannt wurde, daß sämtliche im Stadtgebiet aufgestellten Briefkästen mit ein und demselben Schlüssel zu öffnen waren und daß es sich dabei auch noch um ein relativ einfaches Exemplar handelte. Bei den Justizbehörden hagelte es Anrufe, die sich über die "Schweinerei" bei der Post beklagten. Ein Mitarbeiter des Bundesverbandes Deutscher Banken in Köln attestierte der Post "vorsintflutliche Sicherungseinrichtungen". Das von den Ereignissen überrollte Bundespostministerium dagegen bescheinigte den Briefkasten-Knackern "hochintelligente kriminelle Energie". Die Frankfurter Rundschau stellte süffisant fest, Post und Banken hätten nun wohl ihr "Schlüsselerlebnis" gehabt.

Die Methode der Diebe war simpel: Ein 35jähriger Frankfurter, der als Rädelsführer der Bande gilt, fuhr in einem gelbgespritzten VW-Bus mit gestohlenem "BP"-Kennzeichen und angeheftetem Posthorn-Signet täglich fünf Briefkästen zur "Leerung" an. Um dem Klischee vom seriösen Postbeamten zu entsprechen, hatte er seine schulterlange Mähne mit Haarnadeln hochgesteckt und unter einer dunkelblauen Mütze verborgen. Die Sammelfahrten führten durch die Hochhausschluchten des Bankdistrikts zwischen Hauptbahnhof und Alter Oper sowie in die Industriegebiete im Norden und Osten Frankfurts. Jeweils anschließend wurde das Postgut durchleuchtet; Sendungen mit Verrechnungsschecks wurden aussortiert. Damit sich die Post nicht über leere Briefkästen wundert (und Verdacht schöpft), warfen die Diebe die nicht benötigten Briefe wieder in die ausgeräumten Kästen.

Nach dem Raub folgte nun der Betrug: Befreundete Fälscher ersetzten den Namen des Empfängers durch den Namen einer Person, der man kurz vorher die Ausweispapiere entwendet hatte. Unter Vorlage der gestohlenen Pässe und Führerscheine errichtete eine Untergruppe der Scheck-Gang daraufhin Girokonten bei Banken im süddeutschen Raum. Auf diese Konten zahlten die Bandenmitglieder die getürkten Verrechnungsschecks ein und hoben das Geld, sobald es auf den Konten gutgeschrieben war, in bar ab.

Das Ganze ging etwa ein dreiviertel Jahr lang gut, bis es einem Schalterangestellten einer Bankfiliale in Offenbach merkwürdig vorkam, daß auf ein neu eingerichtetes Konto ständig hohe Geldbeträge per Verrechnungsscheck eingezahlt wurden und am nächsten Tag – sozusagen postwendend – wieder in bar abgehoben wurden. Der Angestellte rief die Aussteller der Schecks an...