Drei Tote eines Geiseldramas, 49 Opfer eines Pfälzer Flugtages bewegen uns mehr als Tausende von Opfern eines fernen Massenmordes. Eine Binsenweisheit? Gleichwohl bleibt die Frage nach dem Maßstab für die Größe der Schlagzeilen und die Zahl der Sendeminuten.

Wie viele Hutu-Bauern bei den Massakern im afrikanischen Kleinstaat Burundi tatsächlich sterben mußten, weiß niemand genau: Die Regierung der Tutsi, jenes Stammes, der alle Macht im Staate kontrolliert, gab den Tod von fünftausend Menschen zu. Erste Depeschen hatten von mehr als zwanzigtausend ermordeten Hutu gesprochen. Über 40 000 Flüchtlinge retteten sich ins benachbarte Ruanda und berichteten von einer Tutsi-Soldateska im Blutrausch, von Massenmord mit Helikoptern und Handgranaten.

Mit fünfzehn Prozent stellen die Tutsi unter den fünf Millionen Einwohnern Burundis nur die Minderheit; doch sie beherrschen das Land am Tanganjikasee und die übrige Bevölkerung, allesamt Hutu. Ausgelöst wurde das Massaker durch gereizte Hutu, die einen Tutsi-Soldaten gelyncht hatten.

Die Berichterstatter der Weltpresse erfüllten mit nüchternem Entsetzen ihre Pflicht: Ihnen erschien der Pogrom in der idyllischen Hügellandschaft dieses Kleinstaates als "typisch" afrikanischer Bürgerkrieg, als archaische Stammesfehde im "Herz der Finsternis". Großmächte sind nicht beteiligt, internationale Verwicklungen nicht zu befürchten: Kein Grund also, der Treibjagd in Burundi viel Beachtung zu schenken.

Ähnlich kühl wird die Flutkatastrophe im Sudan notiert, wo der Nil anderthalb Millionen Menschen die Existenzgrundlage wegschwemmte und 300 000 über die nächste Grenze trieb, ausgerechnet nach Äthiopien, das seit der großen Hungersnot vor vier Jahren zum Symbol für den wirtschaftlichen Niedergang eines ganzen Kontinents geworden ist und das dieser Tage schon 180 000 Somalier auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat aufnehmen muß.

Fluchtpunkt Äthiopien, dessen Regime in Eritrea und Tigre selbst Krieg gegen die eigene Bevölkerung führt und die Menschen zu Hunderttausenden über die Grenzen treibt – in den Sudan.

In Burundi und im Sudan sterben Tausende auf Nebenschauplätzen der Weltpolitik. Auch aus dem fernen Birma, wo sich das Volk gegen die Diktatur der Einheitspartei erhoben hat, erreichen uns Berichte über ein Blutbad: Im Zentralgefängnis der Hauptstadt Rangun sollen etwa 1000 Häftlinge vom Wachpersonal erschossen worden sein. Weitere 500 fielen einem Großbrand zum Opfer, der die Revolte der Gefangenen womöglich ausgelöst hatte. Auch diese Zahlen lassen uns kalt; die Betroffenheit, wie könnte es auch anders sein, nimmt bei wachsender geographischer Distanz ab.