Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist ein reputierlicher Preis: er hat Renommee, Internationalität, eine hohe Dotierung, eine unabhängige Jury.

Nur zweimal in der Geschichte dieses Preises gab es einen Eklat: 1960 entzündete er sich am vorgeschlagenen Preisbuch „Elegie der Nacht“ von Michel del Castillo; 1971 distanzierte sich Käthe Strobel bei der Verleihung demonstrativ vom Votum der Jury, die das politische Lexikon „Staat und Gesellschaft“ gewählt hatte. Gleichwohl: beide Preise wurden verliehen. Das eine Mal mit Verzögerung, das andere Mal mit einer ministeriellen Unmutserklärung.

Eine Zensur der Juryentscheidungen durch das Ministerium, das diesen Preis seit 1956 alljährlich stiftet, hat es seit den mehr als dreißig Jahren seines Bestehens nicht gegeben. Es entstand auch nie der Eindruck, daß eine freie Jury am Gängelbande ministerieller Wünsche geführt werden soll.

1988 könnte eine Wende bedeuten. Seit mehr als einem Vierteljahr ziert sich das Ministerium, Gudrun Pausewangs Roman „Die Wolke“ freizugeben. Allen Mutmaßungen, Gerüchten, Spekulationen zufolge (die sämtlich vom Pressesprecher der Frau Süssmuth, Hartwig Möbes, dementiert werden) gibt es massive ministerielle Einwände gegen die politische Tendenz des Pausewang-Romans, den die Jury zum Preis vorgeschlagen hat.

„Die Wolke“ ist ein Stück engagierter Literatur: kenntnisreich, ohne heuchlerisch bewahrpädagogische Verharmlosung, ohne Zurichtung für „kind- und jugendgemäßen Gebrauch“, ohne Auslassung des großen Schreckens wird die Katastrophe eines Super-GAUs in literarische Form gefaßt. (In der ZEIT Nr. 7 vom 6.2.87 hieß es über diesen Roman: „ein Störfall in der Jugendbuch-Idylle“). Was die Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke 79 in Zahlen aussagt, verwendet die Autorin für ihr Buch, in dem der atomare Holocaust um das AKW Grafenrheinfeld beschrieben wird.

Genau dieser Verzicht auf einen „pädagogischen“ Weichzeichner mißfällt im Ministerium. Natürlich muß allen Befürwortern einer Politik mit „atomarem Restrisiko“ diese ungeschönte Abhandlung anstößig erscheinen. Das Restrisiko einer solchen Lektüre – Nachfragen, Nachdenken kritischer junger Leser – wird für unzumutbar deklariert.

Hartwig Möbes antwortet auf die Frage, ob es vergleichbare Irritationen zu einem Preisbuch gegeben habe: „Wir sind immer der Jury-Entscheidung gefolgt. Wenn auch bei gelegentlicher inhaltlicher Distanzierung. Vergleichbare Bauchschmerzen hat es allerdings noch nie gegeben.“

Wünscht sich die Gesundheitsministerin gesunde Bücher für gesunde Leser? Mindestens „schöne“ Bücher wünscht sie sich. Rita Süssmuth in ihrem Gruß wort Mai 1988 zum Kinderbuchkongreß in Bonn: „Es gilt, die Kinder von den Schönheiten der Bücher zu überzeugen.“

Und ein Jahr zuvor die Geleitworte zum Literaturpreis 1987: „Bücher können aber auch Bausteine sein für eine Welt, die in der Fantasie des Lesers entsteht, die nur ihm gehört und die ihn vor den Zudringlichkeiten der ihn umgebenden realen Welt schützt.“

Wörter wie Hülsen, leere Behältnisse. Kinder- und Jugendliteratur wieder einmal als zauberisches Allzweck-Vehikel, um trister Realität per Phantasie zu entrücken.

Wie der Magier das Kaninchen zieht der Minister ein Zauberwort aus dem Hut: es heißt Pädagogik. Unter diesem verquasten Begriff darf alles Platz nehmen: Anpassung, Einschüchterung, Windschlüpfrigkeit, Bevormundung. „Handelt es sich um einen „normalen‘ Literaturpreis, oder hat er nicht vielmehr eine pädagogische Funktion?“ fragt Hartwig Möbes besorgt.

Genau diese hartnäckige Bevormundung sogenannter pädagogischer Kinderliteratur hat immer wieder zu ihrer literarischen Misere geführt. Die Pädagogik wurde rein-, die Literatur ausgetrieben. Wann endlich werden die selbst ernannten Vormundschafter aufhören, junge Leser zu chaperonieren?

Mit einer ministeriellen Zensur würden nicht nur junge Leser entmündigt, sondern eine ganze Jury in ihrem Urteilsvermögen desavouiert, mindestens aber in Frage gestellt. Ein literarischer Staatspreis, dessen Stifter sich einer freien Jury rühmen, darf nur ohne Zensur vergeben werden.

DIE ZEIT hat zu diesem Störfall in der Jugendbuch-Idylle Literaturkenner und Autoren von Rang befragt. Ute Blaich

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Das Buch habe ich atemlos in einem Zuge gelesen. Gudrun Pausewang ist es gelungen, ein wichtiges Thema ungemein spannend darzustellen, für Leser jeden Alters. Aber besonders gut finde ich, daß es als Jugendbuch herauskam. Diejenigen sollten, müssen es lesen, die einst mit Folgen unseres leichtfertigen Umgangs mit Atomspaltung werden zurechtkommen müssen.

Es wundert mich durchaus nicht, daß engstirnige Obrigkeiten in Aufregung geraten sind. Die Autorin mißachtet glücklicherweise alle üblichen Tabus. Mit Recht. Auch atomare Katastrophen mißachten solche Tabus.

Und offenbar hat die Autorin törichte Reaktionen vorausgesehen: Ganz am Ende des Buches meint ein völlig üneinsichtiger alter Mann ärgerlich zu der schwer von Strahlen gezeichneten jungen Hauptperson: Heutzutage wird viel zuviel aufgeklärt...

Eine verbreitete Ansicht. Ihr ist entgegenzutreten, indem dieses außerordentliche Buch so bekannt wie irgend möglich gemacht wird.

Axel Eggebrecht

Ich habe es satt, diesen Abwieglern, diesen Nicht-wahr-haben-Wollern aus Freundlichkeit weiter nachzugeben. Die politische Moral ist ohnehin verkommen und die Geschäfte gehen unvermindert gut.

Scham, Trauer, Nachdenklichkeit sind rationierte Empfindungen, wenn sich „Öffentlichkeit“ äußert und regt. Vor einem solchen verfinsterten Hintergrund ist das Zensurbegehren gegen Gudrun Pausewangs leises, genaues, verzweifeltes Buch nur gut zu verstehen.

Wer sich nach den bisherigen Erfahrungen ausmalen kann, wie die heute großsprecherischen „Energie-Verantwortlichen“ im Ernstfall ihre Unschuld beteuern werden, muß darauf bestehen, daß auch für das Ministerium, das den Jugendliteraturpreis vergibt (und die unabhängige Jury hat ja schon entschieden), selbstverständlich gilt: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Peter Härtling

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Es wird offenkundig: Der Störfall ist eigentlich nicht Tschernobyl. Man hätte sich vorstellen können, daß die Menschheit mit wachen Augen auf dieses Unglück geschaut und entsprechende Konsequenzen gezogen hätte. Der Störfall ist eigentlich eine schon nicht mehr demokratische, sondern wirtschaftlich und technologisch verfilzte Staats-Elite, die nicht zulassen will, daß über Tschernobyl berichtet wird wie es ist.

Der Störfall im eigentlichen ist, daß das Urteil einer kompetenten Jury nichts mehr wert ist, wenn es um die Verteidigung des Bündnisses von Staat und Atomindustrie geht.

Inge Aicher-Scholl

Ein nüchternes, eher behutsames als melodramatisches Buch. Der große Schrecken, ein Super-Tschernobyl mitten in unserem Lande, gewinnt Anschaulichkeit aus der Perspektive: eines Mädchens, dem der Tod des kleinen Bruders wichtiger ist als das zigtausendfache Verrecken. Statt das Entsetzen literarisch zu potenzieren (und es damit zu verharmlosen), verdeutlicht Gudrun Pausewang die Apokalypse, indem sie das Wechselspiel von Inferno und Normalität gegenläufig durch die Gedanken eines Kindes brechen läßt, das dieses Geschehen zugleich ausgesetzt-nah und, als sei es ein schauerliches Märchen, aus großer Distanz erlebt.

Ein leises Buch als Warnung zu gegebener Zeit. Literatur in ihrem ureigentlichen Metier: eine Panne bedenkend, die zu realisieren, uns – den auf dem Weg zum Abgrund befindlichen Rasern – das Leben retten könnte.

Frau Süssmuth ist aufgefordert, nicht den Part derer zu spielen, die Kassandras „zurück“(vorgetragen in einem überzeugenden, berechtigte Angst, aber nicht Panik befördernden Appell an junge Leser) wieder einmal in den Wind schlagen.

Walter Jens

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Der Vorgang ist eine ungeheure Brüskierung einer unabhängigen und demokratisch gewählten Jury aus Fachleuten. Sie muß aus der Presse erfahren, daß „auch nach der pädagogischen Funktion eines Buches gefragt werden ‚müsse‘! Der Vorwurf ist lächerlich – nach wirkungsästhetischen Aspekten hat die Jury in intensiven Diskussionen stets gefragt. Sie war allerdings der Meinung, daß eine Beschwichtigungspädagogik weder der Realität noch der Literatur angemessen ist. Wenn aber ein Ministerium sich in der Preisung und Förderung von Literatur als kompetent erweisen will, so muß es damit rechnen, daß in der Literatur ein Flaschenteufel steckt, den man nicht ducken kann, ohne ihr und dem Ansehen des Preises zu schaden.

Bettina Hurrelmann, Vorsitzende der Jury

des Deutschen Jugendliteraturpreises 1988