Von Hansjakob Stehle

Kraftlos auf die aussichtslose Kraftprobe zutreibend – das ist der Zustand Polens, der seine schwachen Machthaber und die ohnmächtig-mächtige Volksopposition jetzt noch einmal – wieder einmal – anhalten läßt. "Die Uhr schlägt – alle", so prophezeite schon vor Jahrzehnten der polnische Satiriker Lee. Und eben diese Erkenntnis läßt seit Ende vergangener Woche eine wütende, doch langsam zerbröckelnde Streikfront und eine zerknirschte, ratlose Parteiführung zaghaft Hände ausstrecken. Wird also wieder einmal der chronische Konflikt zwischen Staat und Gesellschaft von brüchigen Barrikaden an den Verhandlungstisch verlegt – und vertagt?

Das Signal kam, wie oft schon, von der einzigen unangefochtenen Kraft des Landes, der Kirche: "Man muß den Methoden der Einschüchterung und Gewalt ein Ende machen und loyal auf die Stimme der Vernunft hören; man muß die Staatsprobleme kompetenten Personen anvertrauen und jedem ehrlichen Bürger die Freiheit, die ihm gebührt, garantieren; man muß zugeben, daß die Lösung jedes gesellschaftlichen Konflikts im Dialog gründet, und man muß Wege zur Verwirklichung des gewerkschaftlichen Pluralismus suchen", so erklärte die Katholische Bischofskonferenz nach langem Schweigen am 26. August. Sie erinnerte aber auch daran, daß "Arbeit die Pflicht jedes Menschen" ist. Kardinal Primas Glemp mahnte die Streikenden, ihre "Gefühle zu zügeln" und daran zu denken, daß die Streiks, so berechtigt sie sind, "die Armut des Landes verschlimmern". Jede Regierung könne zwar "Geld drucken, aber nicht das Brot produzieren, das allein Frucht der Arbeit ist".

Noch am gleichen Abend verkündete Innenminister Kiszczak seine Bereitschaft, sich mit "gesellschaftlichen Repräsentanten" zum Gespräch zu treffen – "ohne Bedingungen", so betonte er und stellte doch eine solche: "Ausgeschlossen bleiben müssen Personen, welche die Verfassungsordnung ablehnen." Und schon meldete sich aus der besetzten Danziger Werft Lech Walesa gesprächsbereit "ohne Bedingungen" außer der einen: "Die Anerkennung von Solidarnosc ist eine Schlüsselfrage." War damit das Scheitern schon programmiert, oder dienten die Vorbehalte nur dazu, das Gesicht zu wahren?! Inzwischen hatte der Vorsitzende des Katholischen Intellektuellenklubs (KIK) Professor Stelmachowski diskret einen Sondierungsdraht gespannt zwischen Walesa und dem Politbüromitglied Cyrek, der schon Mitte Juli in Krakau die Verlegenheitsformel geprägt hatte: Der polnische Pluralismus sei "ein tatsächlicher Zustand, kein Akt der Gnade"; er beruhe auf einer Koalitionspolitik der nationalen Verständigung, jedoch nicht auf "bürgerlich-demokratischen" Strukturen, "die wir nicht billigen". Doch worüber, wenn nicht über irgendeine konkrete Form politischer Mitverantwortung kann man sinnvoll mit einer Opposition verhandeln?

Das Gespenst einer Regimegefährdung, das immer schon von konsequenten Reformen, aber auch von echter Krisenpartnerschaft abschreckte, erhob sich dann auch am letzten Wochenende im kommunistischen Zentralkomitee, als dieses Schlüsse aus der Krise ziehen wollte. Der verunsicherte Parteichef Jaruzelski lavierte; die Regierung seines Genossen Messner überantwortete er zwar der öffentlichen Kritik (sogar ihre Ablösung schien bevorzustehen), doch"dem polnischen Brauch, Sündenböcke zu jagen", wollte er nicht folgen. Zum geduldigen Dialog erklärte er sich bereit, auch "mit verschiedenen gesellschaftlichen Kreisen", aber einen Partner wollte er nicht beim Namen nennen. Walesa? Auch dieser könne am Gespräch teilnehmen, "wenn auch nicht als Vertreter einer illegalen Organisation", so wand sich der ZK-Sprecher Majka. Und wenn Walesa sich als Solidarnosc-Präsident vorstellen würde? "Das ist eine eher scholastische Frage", wich Majka aus. Im Zentralkomitee hatte die Danziger Vertreterin gemahnt, der Opposition "auf halbem Wege entgegenzukommen und ihr die Möglichkeit zum Einlenken ohne Gesichtsverlust zu lassen".

Der legendäre Arbeiterführer scheint indessen, umsorgt von seinen katholischen Beratern, zum taktischen Rückzug aufs Altenteil eines Symbols bereit zu sein. Auch ohne anerkannte Funktionen, nur als "Herr Walesa" sei er verhandlungsbereit, um "die Ideale" von Solidarnosc zu vertreten, so sagte er am 28. August in einem Interview für den römischen Messaggero. Dabei zeigte er auf die neue Generation der Streikenden; sie müsse eine Lösung finden, zu der er nur noch beitragen könne. "Ich bin zu alt", sagte der 45jährige. "Ich habe immer jenen August 1980 im Kopf..."

Machen also verlorene Illusionen neuen Hoffnungen Platz? Die Warschauer Regierung verlangte am 30. August von Walesa, daß er vor einem Verhandlungsbeginn dem Streik in der Danziger Werft ein Ende mache; sie setzt also auf eine Autorität, die sie zugleich nicht anerkennen will. Am gleichen Tag kündigte ein Berater der Solidarnosc an, Walesa werde sich am Mittwoch mit Innenminister Kiszczak treffen. Es ist einer der zahllosen Widersprüche, die Polens Perspektiven verdunkeln und sein Regime ebenso ratlos machen wie dessen Widersacher. "Ich weiß nicht, welche Rolle die Partei in einem veränderten System haben wird", sagte schon im Herbst 1987 das heutige Politbüromitglied Rakowski. Und: "Ich weiß nur, daß die Epoche des Diktats gegenüber der Gesellschaft untergegangen ist."