Heidelberg

So unglaublich es klingen mag: Wenn es nach den geltenden Gesetzen geht, dann werden im Wintersemester an den Universitäten in Heidelberg, Tübingen und Freiburg nur noch Männer zu einem Jurastudium zugelassen.

Diese absurde Situation ist keiner chauvinistischen Verschwörung zu verdanken, sondern dem Umstand, daß nicht mehr die ZVS in Dortmund Studienplätze im Fach Rechtswissenschaften vergibt. Jura-Studienbewerber schicken ihre Unterlagen direkt an die Universität ihrer Wahl. Mit dem Resultat, daß an den ebenso renommierten wie begehrten Universitäten Heidelberg, Tübingen und Freiburg viel zu viele Bewerber viel zu wenigen Studienplätzen gegenüberstehen: Das sind in Freiburg 1492 Jura-Erstsemesterkandidaten für 419 ausgewiesene Studienplätze, in Heidelberg 1463 Bewerber für 231 Plätze und in Tübingen 1350 für 335.

Diese Zahlenverhältnisse sind es, die den Frauen kaum eine Chance lassen: denn die männlichen Studienbewerber, die bei der Bundeswehr waren oder ihren Zivildienst abgeleistet haben und deswegen noch nicht mit einem Studium beginnen konnten, gelten als Härtefälle, die laut Gesetzes-Tonschrift "mit Vorzug" zuzulassen sind.

In Tübingen und Freiburg, wo die entsprechenden Bescheide schon verschickt wurden, werden zum ersten Jura-Semester durchweg Bundeswehrreservisten einrücken: In Tübingen wurden 312 von 335 Studienplätzen durch Bundeswehr- oder Zivildienstbonus vergeben. In Freiburg erkannte man die Situation, doch sind 468 der rund 600 Jura-Erstsemester Härtefall-Männer.

An der Universität Heidelberg ist die Situation ähnlich prekär: 730 Männer und 733 Frauen haben sich zum Wintersemester 1988/89 für ein rechtswissenschaftliches Studium beworben, ganze 231 Studienplätze stehen aber nur zur Verfügung. Aufgrund der Härtefallregelung müßten 407 Bundeswehrreservisten und ehemalige Zivildienstleistende "mit Vorzug" berücksichtigt werden, während fünf Frauen sich nur deshalb Chancen ausrechnen könnten, weil sie ein freiwilliges soziales Jahr absolviert haben...

Rektor Volker Sellin ist denn auch zu dem Schluß gekommen: "Diese Situation ist unerwartet und unerwünscht." Hilfesuchend wandte sich die Hochschule an das Baden-Württembergische Wissenschaftsministerium. Von dort kam der Rat, mehr Studienplätze zu vergeben, als vorhanden sind. Man hofft, daß sich die "Härtefälle" auch bei anderen Universitäten beworben haben und größtenteils noch verschwinden werden. Freilich: Die 320 jetzt verschickten Bescheide gingen an fünf Frauen und 315 Männer; weitere 112 Härtefall-Männer stehen auf der Warteliste. Erst zum Ende der Immatrikulationsfrist am 9. September wird man wissen, ob der Trick mit der Überkapazität geholfen hat. Für den Fall daß nicht, werden Juristen das Wort haben: Wenn die ersten Frauen ihren Jura-Studienplatz einzuklagen versuchen.

Eberhard Reuß