Von Marion Gräfin Dönhoff

Die Zahl der Tische in aller Welt nimmt zu, an denen zur Zeit feindliche Parteien Platz nehmen, die seit vielen Jahren entweder nur aufeinander schössen oder zwischen sich und ihren Nachbarn eine so tiefe Kluft aufgerissen haben, daß eine Überbrückung unmöglich schien. Zunächst waren es Kubaner, Angolaner und Südafrikaner, die in einer Kettenreaktion von Verhandlungen in London, Dakar, New York, Genf ein Abkommen zustande brachten. Dann folgten Iran und Irak in Genf. Gleichzeitig Nord- und Südkorea in Pjöngjang und Seoul und in der letzten Woche auch noch Türken und Griechen in Zypern.

Da fragt man sich, ob nicht angesichts dieser mit Macht hereinbrechenden Sehnsucht nach Frieden auch für die Regierung in Südafrika allmählich die Zeit gekommen wäre, ihre Beziehungen zu den Schwarzen auf eine neue Ebene zu heben. Im Zeichen der Kooperation zwischen den Supermächten – ohne die diese dem Frieden zustrebende Entwicklung gar nicht denkbar wäre – zeigt sich auch die politische Landschaft Südafrikas in einem neuen Licht.

Ein gut Teil der Spannung, die dort herrscht, erwächst ja aus der Furcht der Regierungspartei vor den Russen, die – so glauben viele Weiße – die Schwarzen, zur Revolution anstacheln. Jeder Schwarze ein Kommunist, das ist die Vorstellung der Regierung, mit der sie sich seit Jahren selbst handlungsunfähig macht und mit der die radikalen Schwarzen zu dem Glauben verführt werden, ihr Heil liege in Moskau – entsprechend der Devise: "Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde."

Der African National Congress ist der beste Beweis für die von der Regierung selbst produzierte Radikalität. Der ANC, der schon 1912, also vor dem Ersten Weltkrieg, nach dem Vorbild des amerikanischen Kongresses gegründet wurde, war zunächst alles andere als eine revolutionäre Freiheitsbewegung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Führung, politische Ziele ins Auge zu fassen. Der damals 34jährige Vizepräsident Nelson Mandela rief 1952 zum "Widerstand gegen ungerechte Gesetze" auf. Dazu gehörte auch die noch heute – 26 Jahre später – umkämpfte Group Area Act, die allen Menschen, ihrer Farbe entsprechend, bestimmte Wohngebiete zuweist. Erst in der vorigen Woche brach deswegen ein ungewöhnlicher Streit aus: Botha verlangte, der Chefredakteur von Beeld, der größten Zeitung der Buren, solle gefeuert werden, weil in seiner Zeitung verlangt wurde, die Group Area Act müsse abgeschafft werden, denn sie vergifte die Beziehungen der Rassen zueinander.

Damals, 1952, handelte es sich um gewaltlosen Widerstand, als aber Jahr um Jahr verging und immer neue Gesetze die Freiheit der Schwarzen einschränkten, beschloß Mandela 1962, zum Widerstand mit Gewalt überzugehen, "weil 50 Jahre der Gewaltlosigkeit uns nichts eingebracht haben". Bis heute aber ist Nelson Mandela für Demokratie und gegen jegliche Rassendiskriminierung – auch gegen eine Politik wider die Weißen.

Was für eine Chance, daß es einen potentiellen Führer mit solchen Ansichten gibt. Einen Mann, der von denen, die ihn im Gefängnis besuchen durften – ein hoher amerikanischer Richter und ein englischer Abgeordneter –, als Staatsmann beschrieben wird und der noch immer ein Mythos für alle Schwarzen ist. Wenn dieser optimale Dialogpartner aus irgendeinem Grunde nicht mehr zur Verfügung stehen sollte, dann werden sich radikale Chaoten in den Vordergrund drängen.