Einen wohlgeordneten Vormarsch verordnet Hans-Jochen Vogel der SPD. Nach der recht mutigen Standortbestimmung von Nürnberg (1986) erfolgt in Münster ein genau bemessener Fortschritt. Mit der Quotenregelung – spätestens in zehn Jahren müssen Frauen zu 40 Prozent in Parteiämtern und Fraktionen vertreten sein – wird die Partei sich äußerlich und inhaltlich verändern. Die logisch anschließende Entscheidung, die Zahl der Vogel-Stellvertreter zu erweitern und Platz für eine Frau an der Seite von Johannes Rau und Oskar Lafontaine zu schaffen, beweist schon etwas von der neuen Eigendynamik.

Vogel, der sich für die Quote, aber nicht für eine zusätzliche Stellvertreterin stark gemacht hatte – er will der Mann der Einsicht in die politischen Notwendigkeiten bleiben. Aus diesem Grund auch moderiert er nur im Streit zwischen Lafontaine und Franz Steinkühler. Vogel fährt voraus, aber immer auf Sicht. In Münster hielt er eine ehrliche Rede. Das heißt, zu allererst versteht er sich als parlamentarischer Oppositionsführer. Zuletzt fügt er noch ein P.S. an: Ach, übrigens, Visionen, Utopien und "Neues Denken" werden dringend gebraucht. Man spürt, daß er weiß, wie wenig er selbst das alles verkörpert. Es gehe, so zitiert er zum Schluß Adorno, um einen Fortschritt, der aus Freiheit Möglichkeiten ungenutzt lasse, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Auch auf Vogel paßt das Wort gar nicht schlecht.

Der Vorsitzende reduziert seine Rolle auf sympathische Weise, was die Neugierde nicht immer weckt. Die SPD scheint derzeit gerade damit zufrieden zu sein. Sie soll also ein "konkretes Regierungsprogramm für die neunziger Jahre" entwerfen, will Vogel. Das Motto: ein bißchen anders, aber viel solider als die Regierung. Die SPD wirkt trotz der Umfragen, die blendend für sie ausfallen, nicht so, als glaube sie daran, daß schon bald die Stunde der Opposition schlage. gho