Die Befürworter der Kernenergie berufen sich neuerdings verstärkt auf den Umweltschutz

Eigentlich wollte Bundesumweltminister Klaus Töpfer immer eine "Zukunft ohne Kernenergie erfinden". Doch am gleichen Tag, an dem sein Hamburger Kollege Jörg Kuhbier das neueste Gutachten zum Atomausstieg präsentierte, gab Töpfer der schleswig-holsteinischen Landesregierung Weisung, den Reaktor Brokdorf wieder einzuschalten. Mittlerweile produziert der Meiler an der Unterelbe wieder Atomstrom, und Befürworter wie Gegner der Kernenergie haben neuen Stoff, um über die Folgen eines Ausstiegs zu streiten.

Der Hamburger Umweltsenator ist mit dem beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bestellten Ausstiegsgutachten zufrieden: Er sieht den von der SPD geplanten mittelfristigen Atomausstieg wissenschaftlich unterstützt, obwohl damit höhere Emissionen an gesundheits- und umweltgefährlichen Schadstoffen verbunden sind als bei einer weiteren Nutzung der Kernenergie. Die Wirtschaft und die Hamburger CDU werfen ihm deshalb vor, er "vernachlässige" und "verniedliche" die Umweltgefahren, insbesondere die Gefahr einer Klimakatastrophe durch ansteigende Emissionen von Kohlendioxid (CO2).

Nachdem mittlerweile kaum noch jemand daran glaubt, daß die Lichter ausgehen, wenn die Kernkraftwerke abgeschaltet werden, muß nun ausgerechnet der Umweltschutz herhalten, um die Nutzung der Atomenergie zu rechtfertigen. Doch wer die unbestritten umweltbelastende Verfeuerung von Kohle, Öl und Gas zum Argument für die riskante Kernenergie ummünzt, ignoriert die wirksamste Methode, die Luft reinzuhalten: die Energie so rationell wie möglich zu nutzen. Gerade die lange Zeit als billig propagierte Kernenergie verlockte indes bisher zum Gegenteil.

Aber noch aus einem anderen Grund stehen Energieeinsparung und die Nutzung der Kernenergie zueinander im Widerspruch. Nach einhelligem Expertenurteil besteht die ergiebigste Quelle zum Energiesparen darin, in den Kraftwerken nicht nur Strom, sondern auch Wärme zu erzeugen. Diese Wärme könnte die vielen Einzelfeuerungen in den Privathaushalten ersetzen, die für besonders arge Luftverschmutzung in den Städten sorgen. Das setzt freilich voraus, daß solche Heizkraftwerke in der Nähe von Ballungsgebieten stehen. Aus Sicherheitsgründen kommen Kernkraftwerke hierfür nicht in Frage.

Im Hamburger Ausstiegsgutachten wird diese Quelle der Energieeinsparung und Umweltentlastung fast nicht berücksichtigt. Das liegt daran, daß die Hansestadt bei der Fernwärmeversorgung ihrer Haushalte schon weit fortgeschritten ist, das zusätzliche Potential also nur noch gering ist. Bundesweit gilt das keineswegs. Vor wenigen Monaten hat das Baseler Prognos Institut ein Ausstiegsszenario vorgelegt, das vor allem wegen der verstärkten Kraft-Wärme-Kopplung per Saldo zu einer Umweltentlastung führt. Und das Freiburger Öko-Institut hat vorgerechnet, daß selbst die klimagefährdenden CO2-Emissionen im Ausstiegsszenario stärker als bei einer fortgesetzten Nutzung der Kernenergie gesenkt werden können.

Dazu bedarf es freilich politischer Entscheidungen, vor denen sich Bonn drückt. Selbst Umweltminister Töpfer scheiterte mit dem Versuch, das Energiewirtschaftsgesetz etwas umweltfreundlicher zu gestalten. Die Unionspolitiker müssen sich von Expertengremien wie dem Sachverständigenrat für Umweltfragen längst fehlenden Willen zur rationellen Energienutzung bescheinigen lassen. Wer mit solch massiven Vorwürfen leben muß, wirkt nicht gerade glaubwürdig, wenn er für die Atomenergie in die Bresche springt und sich dabei noch als Anwalt der Umwelt aufspielt. Fritz Vorholz