Von Michael Stührenberg

In Sumba, einer Provinzstadt 400 Kilometer südlich von Luanda, taucht alle Jahre wieder eine mysteriöse Geschichte über menschenfressende Hunde auf. Die angolanische Version des Hundes von Baskerville: Blutrünstige Bestien, die wie Wölfe im Rudel jagen und den schmalen Buschstreifen zwischen dem Hochplateau und der Atlantikküste verunsichern. Niemand hat sie je gesehen, doch niemand bezweifelt, daß sie Menschen fressen.

Die vermeintlichen Untaten der Sumbe-Hunde ähneln denen der in derselben Region stationierten Kubaner. Irgendwann und irgendwie rücken sie immer wieder in den Mittelpunkt seltsamer, stets unehrenhafter Geschichten: daß lüsterne Castro-Schergen eingeborene Mädchen vergewaltigen und dann von aufgebrachten Dörflern gelyncht werden. Oder daß die Kubaner einen Haufen unehelicher Mischlinge zurücklassen, denen die Regierung in Havanna jede Unterstützung verweigert. Oder auch, daß angolanische Kinder ihren Eltern entrissen und zur Indoktrinierung auf die kommunistische Zuckerinsel verschleppt werden.

Woher solche Kunde stammt, ist nicht immer leicht auszumachen. Wohin sie geht, schon eher. Als Gerücht dringt sie zunächst an die Ohren zweitrangiger Diplomaten, als Anekdote von dort weiter an westliche Journalisten und über diese dann als quellenlose Gewißheit in verschiedene Massenmedien. Und selbst wenn hinter all dem ein Mißverständnis, schlimmstenfalls gezielte Verleumdung steht, so gilt doch in der Regel, daß es ohne Feuer keinen Rauch geben darf. Kubaner haben eben einen schlechten Ruf als Dunkelmänner, als Revolutionsexporteure, als Moskaus fünfte Kolonne in der Dritten, Welt.

Dabei wirken sie doch im Umgang ganz human, die compañeros‚ die 13 Jahre lang im angolanischen Busch eine marxistische Revolution gegen Umsturz und Einsturz verteidigt haben und nun das Ende ihres Unternehmens kommen sehen. Da ist zum Beispiel der Oberst Conrado Milanés, der von seinem Hauptquartier in Sumbe aus die kubanischen Truppen in der Provinz Kwanza Sul befehligt. Mitte vierzig, das silbergraue Haar ordentlich gescheitelt, das markante Gesicht von Wind und Sonne gegerbt – in Hollywood könnte Conrado jederzeit den Verführer spielen, ein Clark Gable aus den Tropen.

Und auch der rüde Umgangston, der ihn als alten Haudegen ausweist, tut seinem Charme keinen Abbruch. Schließlich ist man ja wer, wenn man in Angola bereits zum zweiten Mal internationalistischen Dienst schiebt. Denn der Oberst Milanés war schon dabei, als 1976 die Lande Kubaner die letzten Südafrikaner aus dem Lande jagten. Und wenn er nun des Abends in Sumbe vor einer Flasche Rum, Marke Villa Clara, lautstark in Erinnerungen an historische Schlachten gegen weiße Invasionssoldaten vom Kap schwelgt, dann schlägt weiblichen Zuhörern das Herz höher.

Conrados Herz aber schlägt weniger für die Schönen Sumbes als für seine große Liebe, den internacionalismo. "Ohne den Internationalismus", zitiert der Oberst Fidel Castro, "würde es die kubanische Revolution gar nicht geben. Internationalist sein heißt, unsere Schulden gegenüber der Menschheit begleichen. Aus Angola kamen die Sklaven, deren Nachfahren der Revolution in Kuba zum Sieg verhalfen. Heute verhelfen wir der angolanischen Revolution zum Sieg."