Ennos Freude

Damit wir uns zurechtfinden in dieser bösen, unübersichtlichen Welt, ist es gut zu wissen, wo vorne und hinten, oben und unten, rechts und links ist. Eine dieser hilfreichen Koordinaten war für uns immer Enno von Loewenstern gewesen, der rechteste Rechtsaußen der rechten Welt in der nach rechts offenen Richterskala. Loewenstern hatte uns zuletzt dadurch beeindruckt, daß er am längsten und hartnäckigsten an der Überzeugung festhielt, Barschel (Uwe) sei ein Opfer der linken Kampfpresse und im übrigen ein ehrenwerter Mann. Deshalb hatten wir kummervoll feststellen müssen, daß es um Enno von Loewenstern nach und nach still geworden war. War er über den rechten Rand hinaus gekippt oder gar worden? Nein, die Welt und die Welt haben Enno von Loewenstern wieder, und wir sehen: Er hat die Pause genutzt, um seinen Arm zu kräftigen und sein Schwert zu schärfen. So finden wir ihn also dieser Tage mit einem Kommentar auf der Titelseite der „unabhängigen Tageszeitung für Deutschland“, wo er zur Katastrophe in Ramstein wie folgt fragt und spricht: „Müssen Flugtage sein? Natürlich müssen sie nicht.“ – „So wenig, wie Autorennen und andere Veranstaltungen sein müssen, die dem Vergnügen und der Werbung dienen.“ Der Werbung dienen Flugtage, weil für „die Luftwaffe“ geworben wird, und das muß sein, weil „die immer noch drohende Gefahr aus dem Osten“ uns nötigt, „nicht leichtfertig die eigene Verteidigung zu vernachlässigen.“ Aber Flugtage dienen auch dem Vergnügen, weil dort „die Soldaten mit der Zivilbevölkerung zusammenkommen und sie durch herzliche Gastlichkeit zu gewinnen suchen. Die ungeheure Zahl der Besucher in Ramstein trotz aller Boykottaufrufe zeigt, daß man mit diesen Flugtagen einer großen Menge Menschen eine große Freude machen kann.“ Manchmal allerdings, so würden wir jetzt gerne entgegnen, kann allzu große Freude tödlich sein. Aber vielleicht ist ein solcher Tod wie der in Ramstein, wenn wir es zusammen mit Enno von Loewenstern recht bedenken, doch auch ein schöner Tod. Geschah er doch im Augenblick der Freude; und zudem noch im Dienst einer guten Sache, nämlich im Kampf gegen die immer noch drohende Gefahr aus dem Osten. Und für dieses Ziel zu sterben, Zeugnis zu geben als lebende Fackel für unsere Verteidigungsbereitschaft – was, so fragen wir mit Enno von Loewenstern, kann daran so schlimm sein? Ach, wären wir doch in Ramstein dabei gewesen! Wo aber war Enno von Loewenstern in der Stunde der Bewährung? Am Schreibtisch vermutlich. Da ist sein Platz.

Neues über Sesselgate

Keine Frage, die Affaire um die Sessel des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) spitzt sich, weiter zu. Schon vor einigen Wochen waren wir gezwungen, an dieser Stelle mit der Meldung zu schockieren, daß die historisch-kritischen Sitzgelegenheiten der europäischen Nachkriegsliteratur bei sogenannten Renovierungsarbeiten klammheimlich aus der Villa am Wannsee geschafft wurden. Die literarische Welt quittierte diesen von der ZEIT enthüllten Vorgang mit dem einzig angemessenen einzigen Aufschrei. Ein Teil der Sessel (übrigens nur der senffarbenen, nicht der geblümten!) wurde daraufhin wieder aufgestellt – doch das Gerücht will nicht verstummen, daß es sich bei diesen Fauteuils nicht um die Original-Sessel handelt, die vor allem im Frühwerk Max Frischs eine kaum zu überschätzende Rolle spielen, sondern um Original-Replikate aus der Königlich-Preußischen Sesselmanufaktur des Berliner Landeskonservators, für 1,2 Millionen handgefertigt rekonstruiert. Eine Vermutung, die sich auf das Deutlichste zu bestätigen scheint, erreicht uns doch aus Berlin folgendes „Dementi“ des Leiters des Referats Literatur, Bibliotheks- und Archivwesen (IV B) Dietger Pforte: „Der ZEIT... ist herzlich zu danken für die Rettung der wunderbar durchgesessenen Sessel des Literarischen Colloquiums Berlin. Der Zeitgeist sitzt nun einmal gern alle Probleme durch – ob in Bonn oder in Berlin. Sessel sind es, die heutzutage beide versöhnen: Geist und Macht. DIE ZEIT hat es erkannt. Wahr ist freilich auch, daß die berühmten LCB-Sessel nicht mehr vollständig vorhanden sind. Liebhaber der gutgesesselten Literatur haben sie entführt. Das erschwert erheblich Christian Dombskis Recherche zu seiner Dissertation ‚Der Held und sein Sessel. Zeitgeist in der Literatur der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts‘. Deshalb meine Bitte...: Bringen Sie den geblümten Sessel wieder zurück von Hamburg nach Berlin!“ Dieser plumpe Versuch, die Affaire zuzuschütten, darf nicht unbeantwortet bleiben. DIE ZEIT recherchiert weiter!