ARD, Nord 3, Montag, 12. September, 18.30 Uhr: „Das Leben? – Kann nur gelebt werden.“ Film über Wilhelm und Elisabeth Flitner v. Ulli Pfau

Ein Film? Darunter kann ich mir nichts Rechtes vorstellen sagt Wilhelm Flitner, als die jungen Filmemacher ihn und seine Frau Elisabeth um einen Aufnahmetermin in der Tübinger Wohnung bitten. „Wenn alte Leute vernommen werden im Fernsehen, habe ich meistens Mitleid mit ihnen“, gesteht Flitner – er selbst ist zur Zeit der Aufnahmen fast hundert Jahre alt – sie seien oft so unbeholfen vor der Kamera, gäben konfuse Antworten, jedenfalls nicht ganz durchdachte – man tue ihnen Unrecht. Er willigt denn auch nur zögernd und im Grunde ungern in die Filmerei ein, es bleibt für ihn eine „Vernehmung“.

Wilhelm Flitner ist der Begründer der Volkshochschulen und bedeutendste Verfechter der Reformpädagogik in den zwanziger Jahren. Als Nester des bundesdeutschen Bildungswesens nach 1945 ist er schon zu Lebzeiten ein Klassiker der Pädagogik geworden. Vor der Kamera sucht er nach gültigen Formulierungen, die doch mehr Zeit brauchen als das Fernsehen hat.

Es ist ein Film geworden, der sich selbst kritisiert und gleichwohl für sich spricht. Soviel erfährt man: Das Leben dieser beiden sehr Alten war alles andere als beschaulich, das Zuschauen und Sichzuschauen-lassen fällt ihnen schwer; auch diese Nachbetrachtung, das Resümee scheint ihnen keinen rechten Sinn zu geben: „Das Leben zu beschreiben ist überhaupt unmöglich – das Leben kann eben nur gelebt werden“, sagt Elisabeth Flitner, Mutter von vier Kindern, promovierte Staatsrechtlerin, die ihr Leben lang auch im Kinderschutzbund, in der Frauenbewegung, in der Erwachsenenbildung tätig war. Beide Flitners haben lebendige „Spuren“ hinterlassen, nicht nur in ihren Büchern – was kann man begreifen von ihrem Leben, wenn man ihnen vierzig Minuten lang zuschaut bei einer ungelegenen Selbstdarstellung? Soviel immerhin: Daß ihr erfülltes, sinnvolles Leben sie auch im hohen Alter als besonders schöne Menschen erscheinen läßt.

Privates gehört ihrer Meinung nach nicht an die Öffentlichkeit, was an Gesprächsstoff bleibt, sind Altersweisheiten, auch eine Haltung zum Alter, die einem allerdings jede Angst davor nehmen kann. Das Altsein sei nicht schwer, sagt sie, eher schon das Altwerden, das Abschiednehmen. Und er: „Die Grenzen annehmen und als Positivum sehen – das ist die Bedingung der Freiheit. Es ist ja nur ein schmaler Riß, der uns frei macht.“ Mit der modischen „Selbstverwirklichung“ können beide nichts anfangen, „Liebe mit dem Hintergedanken an Selbstverwirklichung – welch ein Unglück“.

Der Film erzählt aber auch von der Sehnsucht der jungen Filmemacher nach einem solchen über alle Zweifel erhabenen Dasein, nach einer so selbstgewissen menschlichen Existenz. Wenn sie die Lebens- und Bildungsbedingungen der Flitners skizzieren – das alte Gymnasium, die romantische Jugendbewegung, „ein Studentenleben ohne Tabak und Alkohol“, mit viel Geselligkeit an freier Natur, wenn der Kameramann mit erhobenem „Blick“ die Fassaden des alten Weimar abschreitet, dann ist Ehrfurcht vor den Wurzeln spürbar, aus denen tätige Menschen wie die Flitners lebten, und die sich auch mit solch andächtigen Filmen nicht wieder herbeizaubern lassen.

Martin Ahrends