Wilhelm Hennis – ein unbequemer Konservativer, in dessen Werk sich die politische Entwicklung unserer Republik spiegelt

Von Rolf Zundel

Ein Bild des spanischen Malers Goya hat es Wilhelm Hennis angetan: über einen blockartigen Schreibtisch gebeugt, gefangen im Schlaf, ein Mann; hinter ihm vogelähnliche Tierwesen mit fratzenhaften Gesichtern, die ihn beäugen; ein ganzer Schwann von ihnen flattert schattenhaft, drohend vor düsterem Himmel – "der Traum der Vernunft erzeugt Ungeheuer". Hennis hat das Blatt vielen seiner Freunde geschenkt. Es läßt sich auf verschiedene Weise verstehen. Wenn die Vernunft, "la razón", schläft, so lautet die eine Deutung, bricht die Stunde des gefährlichen Irrationalismus an; es ist die Vernunft selber, ihren Projekten überlassen, so meint die andere, die Schrecken hervorbringt.

Hennis kennt beide Interpretationen, aber die zweite liegt ihm näher. "Mit Aufklärung", sagt er scheinbar leichthin, "habe ich nie was am Hut gehabt." Leichthin? Er hat fast ein Leben lang erbittert darum gekämpft, die Verführungskraft des modernen Rationalismus dingfest zu machen und der Verfallsbereitschaft Grenzen zu setzen – ein ziemlich unbequemer Konservativer, auch für manche, die sich konservativ nennen.

Kürzlich, zu seinem 65. Geburtstag, ist eine dickleibige Festschrift erschienen, in der viele seiner Kollegen den Gedankenspuren von Hennis folgen. Daraus läßt sich manches lernen über den Politikwissenschaftler. Eines aber ist daraus allenfalls zu erahnen: Die wahrhaft erstaunliche Rolle, die er in den politischen Diskussionen der Bundesrepublik gespielt hat. Es gibt kaum einen anderen Politologen, in dessen Werk sich die Geschichte dieses Landes, vor allem die der sechziger und siebziger Jahre, so vielfältig spiegelt.

Mit Theodor Eschenburg verband ihn die Sorge, "daß sich Gemeinwesen durch sorglosen Umgang mit ihren Institutionen zugrunde wirtschaften können". Aber anders als der Tübinger Präzeptor, der wie ein Richter scharf bemessene Schlußworte sprach, war Hennis immer Partei, Anwalt, Ankläger, der die Probleme aufriß und Dramatisierung, Übertreibung nicht scheute. Mit Dolf Sternberger hatte er die Liebe zur klassischen Politikwissenschaft, zu Aristoteles nicht zuletzt, gemeinsam. Doch dessen sichere Distanz, die Gelassenheit eines Ästheten, der die Fäden des alten Musters im modernen Gewebe wieder sichtbar machte, war seine Sache nicht. Hennis litt unter der Moderne, sein Denken tat weh – anderen und sich selber.

"Politische Theorie", schrieb er einmal, "war immer ein Produkt der Sorge". Seine Habilitationsschrift aus dem Jahre 1959 ist denn auch im Grunde eine Kampfschrift gegen eine Politikwissenschaft, die sich von ihren Wertbezügen gelöst hat – als quantifizierende Soziologie oder als positivistisches Staatsrecht, beide orientierungslos, verfügbar für viele Zwecke. Es ist eine Wissenschaft, die den Ausgangspunkt von Aristoteles vergessen hat, "daß es im Politischen um das Edle und Gerechte geht", um praktische Philosophie, um Wissen, das gutes Leben und richtiges Handeln möglich macht.

Richtig? Das hat für Hennis nichts zu tun mit den Optimierungsstrategien zur Machterhaltung. Und damals jedenfalls erschien ihm Max Weber, der Stammvater der "wertfreien" Soziologie, als einer der Verderber der Politikwissenschaft: "Von dem, was Sinn einer Verfassung ist..., hat er nichts gewußt. Verfassungsfragen waren für ihn Fragen der Technik, der Parlamentarismus ein Mechanismus zur Auswahl fähiger Führer, Staatsziel eine vage, aber leidenschaftlich empfundene ‚Größe der Nation‘. Es bedurfte wohl der Anschauung des inneren Zerfalls von Weimar, um einzusehen, daß ein Verfassungsstaat mehr ist als ein Apparat, ein Betrieb, eine Anstalt, ... daß Politik insbesondere mehr ist als eine Technik des Machterwerbs." So schneidend wie Hennis haben wenige Max Weber kritisiert. Später las er ihn anders.

Wertbezogene Politik, Gemeinwohl-Orientierung, wie das heute heißt – das klingt nach Ermahnungs- und Erbauungspredigten. Wilhelm Hennis hat sie, im Gegensatz zu manchen anderen Konservativen, nie geliefert. Dazu war er der Politik zu nahe, außerdem stand ihm sein aufmüpfiges Temperament im Wege. Der junge Leutnant zur See Hennis gab seinem Admiral, der von ihm wissen wollte, aus welchem Haus (gemeint war, aus welcher Familie von Seeoffizieren) er denn komme, die verblüffende Antwort: Oben wohne sein Onkel und unten seine Eltern. Der Admiral hatte Verständnis: Ein "Mann aus dem Volke" war ja vielleicht auch nicht so übel. Andere hatten weniger Verständnis; bei Kriegsende hatte Hennis ein Verfahren wegen Wehrkraftzersetzung am Hals.

Auch der Göttinger Student der Rechtswissenschaften hat manche verblüfft. Den damaligen SPD-Vorsitzenden zum Beispiel, den er als Reporter einer Studentenzeitung nach einer Wahlveranstaltung, auf der Kurt Schumacher seine Zuhörer mit herrischen Sarkasmen malträtiert hatte, respektlos fragte, ob die SPD den Wahlkreis eigentlich gewinnen wolle. Oder den niedersächsischen Kultusminister, dem er Pläne für eine, wenn auch bescheidene, damals aber geradezu abenteuerliche Mitbeteiligung der Studenten vortrug. Damals hieß er der "rote Hennis", wohl nicht nur wegen seiner Haare.

Wilhelm Hennis hat Politik aus der Nähe erlebt. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Rechtsexperten der SPD-Fraktion, Adolf Arndt, Assistent am Lehrstuhl von Carlo Schmid, Mitglied der SPD, zweimal unter Protest ausgetreten; Mitglied der CDU; die Bindung ging leiser zu Ende. Sozialdemokraten und Christdemokraten haben überlegt, ober er nicht für ein Amt rekrutiert werden könnte, und ganz fremd ist ihm der Gedanke wohl selber nicht gewesen. Geworden ist daraus nichts, begreiflicherweise. Jedenfalls ist seine wissenschaftliche Arbeit, mehr als bei den allermeisten seiner Kollegen, von persönlicher Erfahrung geprägt, nicht selten entstanden aus Konfrontation, auch aus Enttäuschung. Er war ein großer Anreger der Politikwissenschaft, Schule allerdings hat er nicht gemacht.

Was ihn so sperrig machte, war freilich nicht nur sein entzündbares Temperament, es waren auch seine Maßstäbe, seine Prinzipien, von Aristoteles vorformuliert, oft verdunkelt in der Geschichte der Politik, von ihm aber festgehalten, lange bevor die Propagandisten der sogenannten

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Tendenzwende sich ihrer bedienten, oft ohne sie zu kennen. Um zwei Prinzipien geht es dabei vor allem, zum einen um die Mischung aus elitären und demokratischen Elementen in der Staatsorganisation; zum anderen um die Trennung von Haus und Staat, um die Scheidung zwischen dem einen Bereich, der politisch organisiert ist, und dem anderen, für den eigene Gesetze gelten.

Die Mischung: Wo immer das demokratische Element (genauer: die direkte Demokratie) in den Vordergrund rückt, ist Wilhelm Hennis als Warner zur Stelle. Als die SPD 1958 beschloß, durch einen Volksentscheid gegen die Atombewaffnung vorzugehen (das Verfassungsgericht stoppte den Versuch), trat Hennis zum ersten Mal aus der SPD aus. Wo immer von Basis die Rede war ("ein Begriff aus dem Wörterbuch der Systemgegner"), von Programmgehorsam, von imperativem Mandat gar, schlug er Alarm. In der "Regierbarkeit", so der bezeichnende Titel eines von ihm mitherausgegebenen Sammelbandes (1977), sah er das eigentliche politische Problem der westlichen Industriegesellschaften.

Modell war für ihn "die repräsentative Demokratie, wie sie sich in der angelsächsischen Welt zuerst durchsetzte". Er sah darin "eine Fortentwicklung des Ämterstaates, der der politischen Ordnung der feudalen Welt, wie dem alten Europa überhaupt, zugrunde lag". Und für ihn war "der zentrale Begriff der repräsentativen Demokratie nicht die Volkssouveränität, sondern das Amt".

Hennis ist nicht blind gegenüber den Gefahren, die aus der Distanz zwischen Volk und politischer Führung entstehen können – die Degeneration der Führung zur Clique zum Beispiel. Seine Antwort darauf ist ein beharrliches Insistieren auf dem verbindenden und verpflichtenden Begriff des Vertrauens. Darin sieht er "die seelische Grundlage" der Demokratie. "Man vertraut Personen, nicht ihrer Ideologie, die weder regieren noch verwalten noch Gesetze machen kann." Umgekehrt gilt auch: Wer sich um ein öffentliches Amt bewirbt, muß, so die alte englische Formel, eine Position of virtue and honour vorweisen können, muß vertrauenswürdig sein.

So zögerlich, wenn nicht abweisend Hennis überall dort ist, wo politische Partizipation über das Wahlrecht hinausgeht, so sehr ermuntert er dazu, die Gewählten genau anzusehen. Und sein Urteil ist streng. Als sich die SPD in der Großen Koalition von der verabredeten Wahlrechtsreform davonstahl, war das für ihn Grund genug, der SPD endgültig den Rücken zu kehren. Nicht nur, weil er ein Mehrheitswahlrecht für geeigneter hielt, Vertrauen und Verantwortung zu fördern, oder weil ihm die Einführung des Mehrheitswahlrechts das einzig sichere Mittel schien, um die Große Koalition zu beenden. Für ihn ging es um einen Vertrauensbruch. Und sein Zorn trieb ihn zu dem bösen Urteil, diesmal sei, anders als in Weimar, klar, wer den Bonner Staat auf dem Gewissen habe.

Als Franz Josef Strauß mit der Vierten Partei spielte und schließlich die Trennung von Kreuth inszenieren (oder geschehen) ließ, war dies für Hennis ein typischer Fall machtpolitischer Verblendung, von "Schurkerei und Hybris". Und als Helmut Kohl beim Machtwechsel in einem verfassungsrechtlich zweifelhaften Verfahren die Neuwahlen auf das Frühjahr 1983 schob, schrieb er einen Aufsatz, der unter der Überschrift erschien: "Staatsstreich als Versprechen".

Dramatiker in Endzeitstimmung

Wilhelm Hennis ging immer aufs Ganze. Jener zählebigen, etwas mittelmäßigen Klugheit, mit deren Hilfe sich die Bundesrepublik bisher durch alle ideologischen Stürme hindurchmanövrierte, hat er nie getraut. Er war ein Dramatiker, nicht selten in Endzeitstimmung. Nicht der lockere Spott eines Betrachters, der schon vieles hat kommen und gehen sehen, war seine Waffe, sondern der bittere Sarkasmus, die wütende Polemik eines Betroffenen, eines Erschreckten.

Die Trennung: Wilhelm Hennis sieht im häuslichen Regiment den Gegenbegriff zur politischen Herrschaft. Moderner ausgedrückt: Staat und Gesellschaft gehen nicht ineinander auf. Und wo immer die Politik über ihren Bereich hinausgreift, erhebt er Protest. Er war Wortführer im Kampf gegen die Demokratisierungskampagne, der sich die SPD Anfang der siebziger Jahre verschrieben hatte. Wo andere die Demokratisierung nur lästig oder unpraktisch fanden, stellte er sie in den großen Zusammenhang des fortschreitenden abendländischen Verhängnisses. "Wenn Tocqueville nur fürchtete, daß in der modernen Demokratie die Freiheit der Gleichheit, der despotischen Allmacht des Staates zum Opfer-fallen könnte, so geht jetzt die Formel der Demokratisierung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens weit über jenen Bereich der politischen Demokratie hinaus, mit der allein Tocqueville noch konfrontiert war." Eine Art neuer, gefährlicher Absolutismus sei im Vormarsch, an dessen Ende die Gleichschaltung stehe.

Die Hochschulpolitik, die Familienpolitik sind für ihn Beispiele einer solchen Politisierung, mit der das Eigenleben dieser Bereiche zerstört wird. Und besonders schlimm wird es, wenn sich diese Tendenz mit technokratischem Machbarkeitswahn auflädt. Da schneidet die Gebietsreform durch die gewachsenen Traditionen, die Heimat am Reißbrett wird konstruiert. Und der sozialdemokratische "Orientierungsrahmen 85" (wer kennt ihn noch?) wird zum kriegswissenschaftlichen Programm des "organisierten Sozialismus" (1977).

Wie ein Detektiv sammelt Hennis alle Indizien, die seine These stützen, daß sich die "ordnungsbezogene" Godesberger SPD auf den Marsch zum "zielorientierten" Sozialismus begeben habe und die Freiräume der Gesellschaft nicht mehr respektiere. "Daß auch Ziele Fesseln sein können, Politik als Zielpolitik nie ans Ende kommt, eine freie Gesellschaft zum Weg in die Unfreiheit verdammt werden kann, dies kann man aus OR 85 lernen."

Hennis hat vorzüglich herausgearbeitet, wie sehr der Machbarkeitsjargon in das sozialdemokratische Papier Eingang gefunden hat; Implementierung, Strategie, Doppelstrategie sind die Stichworte. Was er nicht sehen wollte, war der Umstand, daß die Diskussion über den Orientierungsrahmen ein bewußt eingesetztes Instrument der Parteiführung war, um die Reformer auf die Grenzen des Machbaren zu stoßen. Der Orientierungsrahmen war nicht ein revolutionäres Manifest, sondern ein Dokument ideologischer Resignation – mühsame, auch widerwillige Anpassung an eine längst bescheiden gewordene Regierungspolitik.

Es gibt gelehrte Debatten darüber, wie weit Hennis Aristoteles richtig interpretiert hat. Unstrittig ist wohl, daß die Trennung von oikos und polis, wenn es sie gab, auf doppelte Weise relativiert wurde: Die Mitglieder des "Haushalts" haben sich emanzipiert, und der Staat ist weithin selber zu einer großen Haushaltung geworden, mit der Verantwortung für Wohlstand und soziale Gerechtigkeit. Das Verdienst von Hennis bleibt, daß er die Grenzen der staatlichen Gestaltung und die Gefahren der Überschreitung ins Bewußtsein gerückt hat. Auch ist der Einwand schnell bei der Hand, seine Fixierung auf das Vertrauen als Kern der repräsentativen Demokratie blende allzuviel aus. Ein bißchen genauer möchte man ja schon wissen, was die Amtsinhaber vorhaben. Es ist wohl kein Zufall, daß Wilhelm Hennis kaum davon handelt, wie die soziale Gerechtigkeit auszusehen hat, wie sie organisiert werden soll oder welche Sicherheitspolitik gefragt ist. Partizipation schließlich: Endet sie bei der Wahl, oder ist ein wenig programmatisches Mitdenken nicht angebracht, damit Wahlen Sinn bekommen und der Konsens oder auch dessen Fehlen erkennbar wird? Aber auch hier bleibt seine notwendige Erinnerung, daß parlamentarische Demokratie, zwar durch Wahlen begrenzt, eben doch Herrschaft bleibt, die allerdings von einer Grundübereinstimmung lebt.

Aus der begütigenden, pädagogisierenden Demokratiewissenschaft ist Wilhelm Hennis, ein harter Analytiker, schnell herausgewachsen. Obwohl er gegen die Versimpelung der Politik zur Machttechnik kämpfte – er kannte sie, er wußte Bescheid über Geschäftsordnungen, Kompetenzen. Ein glänzendes Beispiel dafür ist sein Aufsatz über "Richtlinienkompetenz und Regierungstechnik", geschrieben ein Jahr, nachdem Ludwig Erhard Kanzler geworden war. Die Amtsausstattung des Regierungschefs wird da vorgeführt, beschrieben auch, am Beispiel Adenauers, wie sie benutzt wird: Kanzlerdemokratie als Parallelfall zum Regiment des englischen Premierministers. Sein Urteil: "Die Amtsausstattung (des Kanzlers) läßt nichts zu wünschen übrig. Im Moment der Wahl ist das Roß gesattelt und gezäumt; er muß nur reiten können." Was Erhard bevorstand, ließ sich schon damals bei Hennis nachlesen: "Die Professionellen mögen einem führungstechnisch unbegabten Kanzler Folge leisten, solange er als Wahllokomotive unentbehrlich ist. Haben sie Anlaß, an seinem Wort auch in dieser Hinsicht zu zweifeln, wird die Schar seiner Getreuen dahinschmelzen."

Es wäre nicht ohne Reiz, den Kanzler von heute an solchen Kategorien zu messen. Sehr stattlich sähe er wohl nicht aus, wenngleich aus anderen Gründen. Hennis hat sich das verkniffen. Es mag sein, daß er damals das Amt überschätzte und die besonderen Umstände der Kanzlerschaft Adenauers zu gering veranschlagte; vermutlich hat ein Kanzler heute mehr Abhängigkeiten zu beachten. Dies aber ist nicht der Grund, warum Wilhelm Hennis später den Aufsatz einen "Mißgriff" genannt hat; in der Sache habe er freilich nichts zurückzunehmen. Seine Skepsis geht inzwischen tiefer, nicht nur wegen der Entwicklung der Parteien: "Soziologisch und weltanschaulich kontextlos geworden", aber versessen darauf, überall mitzuregieren, auch dort, wo sie nichts zu suchen haben. Mitte der siebziger Jahre wird die Institutionskritik bei Hennis immer mehr zur Kulturkritik, er sieht die alte Ordnung, auf der die Demokratie ruht, brüchig werden.

In dieser Zeit beginnt auch seine Entdeckung "grüner" Themen, zum Beispiel der nicht geordneten Entsorgung der Kernkraftwerke. Er warnt: "Wenn das Grundgesetz damit beginnt, daß es gegeben wurde ,in der Verantwortung vor Gott und den Menschen‘, so hat jedenfalls diese Bundesrepublik sich selbst des Rechts begeben, Maßnahmen zu treffen, die den überschaubaren Verantwortungsbereich kraft ihrer Natur sprengen." Das ist nicht nur Verfassungsinterpretation; das alte Grundthema kommt als Kulturkritik wieder: Die industrielle Gesellschaft benutzt ihr Wissen bedenkenlos zum Machen, nicht aber dazu, richtig zu leben.

Dazu paßt auch, daß Hennis immer öfter vom Mangel an Transzendenz spricht, vom Verlust der religiösen Bindungen, worin er den harten Kern der sittlichen Ordnung sieht – ein gängiges Versatzstück der neokonservativen Klage: Religion als Hybris-Hemmer. Nur fehlt bei Wilhelm Hennis die resolut-optimistische Schlußfolgerung: Da Religion gebraucht wird, muß sie wiederhergestellt werden. Für ihn läßt sich der tote Gott nicht so einfach wieder ins Regiment setzen. Die Frage nach der Religion trägt Trauer: unwiederbringlich?

Denken mit vollem Risiko

So erscheint es folgerichtig, daß Hennis nun im Werk von Max Weber den Einfluß von Nietzsche erkennt, nicht nur in der Fragestellung: welchen Typus Mensch die Moderne hervorbringt – auch in den Antworten, zum Beispiel der: "Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz." "Eigentlich eine Frechheit", findet ein Kollege, halb zweifelnd, halb bewundernd, diese Neuinterpretation Webers. Hennis stellt Weber in "die auslaufenden Traditionslinien der alten Moralwissenschaft", aber er erkennt in ihm einen der Mutigen, der "wissen will, wie die Welt, in die wir hineingestellt sind, in ihrer erschreckenden Wirklichkeit geworden ist, wie sie ist. Dieser Wirklichkeit gilt es standzuhalten." Oder um das Bild Goyas abzuwandeln: Weber begegnet den Ungeheuern der Vernunft mit wachem Bewußtsein.

Wer den Gedanken von Wilhelm Hennis folgen will, muß weite Wege gehen und ein wenig die Erfahrung wiederholen, die der junge Wissenschaftler im Göttinger Seminar bei Rudolf Smend gemacht hat, der seine Studenten durch die abendländische Geistesgeschichte geführt (und in die Bibliothek getrieben) hat. Aber auch die bescheidenere Geschichte der Bundesrepublik wird wieder lebendig, in ihren großen und in ihren fast vergessenen Debatten. Am kräftigsten aber bleibt das Bild eines Menschen, der mit vollem Risiko dachte und handelte, der zwang, Farbe zu bekennen. Viele davon gibt es nicht mehr in der Bundesrepublik.