Der Maler steht vor der Staffelei und malt – hinter ihm steht einer. Der Dichter geht am Seeufer spazieren – hinter ihm geht einer. Der Schauspielkünstler betrinkt sich in der Kantine – neben ihm schluckt einer. Der Komponist improvisiert auf dem Pianoforte – auf seinem Sofa schläft einer.

Sie sind die notorischen Doppelgänger, das unzertrennliche Paar dieser Jahre: der Künstler und der Kulturreporter. Wo der eine ist, ist der andere nicht weit. Denn was der eine tut (malen, dichten, reden, saufen), will der andere der Welt erzählen.

Noch nie wußten wir so viel von den Künstlern wie heute. Der Dichter in der Talkshow und im Buntmagazin. Der Dichter einsam und im Kreise seiner Lieben. Der Dichter keusch und bei den Weibern. Der Dichter im Watt und in den Hügeln der Toskana. Noch nie waren wir so nah („hautnah“ muß man wohl sagen) dabei, wenn Künstler leben, Kunst entsteht. Noch nie aber auch haben wir so wenig von Kunst erfahren wie heute.

Denn beim innigen Spiel zwischen Künstler und Kulturreporter fehlt der dritte Mann: der Kritiker. Seine Kunst verkommt, sein Berufsstand verschwindet.

Mittäter sind wir alle: der Spiegel-Reporter, der mit der Dichterin über die Felder hetzt (dabei keuchend das Thema „Beischlaf“ erörternd), der ZEIT-Redakteur, der mit dem Dramatiker über die Dünen wandert oder ein Täßchen Malzkaffee trinkt. Mitschuldig sind wir alle, wenn der Kunstbetrieb zur Boulevardkomödie, das Feuilleton zur Talkshow wird.

Gewiß hat das alte Rezensionswesen (wie jede ehrwürdige Institution) auch groteske Züge. Der längst ertaubte Musikkritiker, der zum einhundertelften Male feierlich eine Darbietung von Beethovens letzter Klaviersonate erörtert, ist eine Figur, die es nicht bloß in den Satiren gibt. Und der schlafende Theaterkritiker ist Stammgast bei allen Premieren.

Gewiß kann auch ein Interview (wenn es nicht bloß ein Geplaudere ist) Wahrheit ans Licht zerren. Gewiß ist das Porträt eine Kunstform – wenn es auch das Geheimnis der Kunst beschwört, nicht bloß an den Privatgeheimnissen des Künstlers herumfingert.

Trotzdem gilt: die authentische Auskunft über das Kunstwerk gibt niemals der Künstler, sondern nur das Kunstwerk selber. Was er in seiner Kunst nicht sagt, das hat der Künstler nicht gesagt – da hilft kein Redeschwall beim Interview, keine Selbstentblößung vor der Kamera.

All die Vorberichte, Hofberichte, Probenberichte, all die Spaziergänge, Gespräche, Begegnungen, die aus den neuen Magazinen unaufhaltsam ins alte Feuilleton eindringen, nützen der Kunst nur wenig (umso mehr dem Marktwert und Sozialprestige des Künstlers). Sie korrumpieren das journalistische Gewerbe. Der Kulturreporter sagt nichts – er läßt reden. Er sieht die Kunst nicht mit den eigenen Augen – sondern mit denen des Künstlers. Er richtet nicht aus der Ferne, er unterrichtet aus stallwarmer Nähe. Er ist nicht mehr der Kritiker der Kunst, sondern des Künstlers beflissener Komplize. Im Kulturbetrieb (der immer auch ein Kulturkampf ist) nimmt er am liebsten die Rolle des Wärmespenders und Weichspülers ein.

Der Leser freilich, hört man sagen, hat die neuen, munteren Formen des Kulturjournalismus gern. Sie bringen ihm die ferne Kunst auf angenehme Weise näher (wo die Kritik den Abstand oft noch vergrößert). Aber stimmt das wirklich? Weckt die Originalreportage von den Landgütern des Dichterfürsten wirklich die Neugier an der Literatur – oder nur das Interesse an Landgütern? Ist die Enthüllung der sagenhaften Liebesaffären der Lyrikerin X. wirklich ein Anstoß, Gedichte zu lesen? Oder bedient der Kulturreporter nur das faule Vergnügen von Leuten, die ihre vermutlich unheilbare Langeweile an der Kunst für 100 flotte Zeilen vergessen möchten?

Natürlich werden wir sie weiter lesen, all die schönen Berichte aus der Werkstatt, Plaudereien am Kamin, Sensationen aus der Küche – und (gelegentlich) auch selber welche verfassen. Erlaubt ist, was unterhält.

Doch dann kommt die Kritik. Sie ist das, was zählt. Benjamin Henrichs