Von Peter Boris

Viele prominente ehemalige Kommunisten haben über ihren Bruch mit dem totalitären System Rechenschaft abgelegt, darunter so berühmte Persönlichkeiten wie Margarete Buber-Neumann, Milovan Djilas, Alfred, Kantorowicz, Arthur Koestler, Wolfgang Leonhard, Ignazio Silone und Manès Sperber. Gemeinsam ist diesen Exkommunisten, daß sie sich nach ihrer Abwendung von den Zielen und Methoden der Kommunistischen Partei im späteren Leben nie mehr für eine totalitäre Herrschaftsform engagiert haben. Doch es gibt eine Ausnahme: Karl Albrecht, Verfasser des Erlebnisberichtes „Der verratene Sozialismus“ (erstmals erschienen im November 1938 in Berlin und Leipzig), der hernach ein aktiver Parteigänger der Nationalsozialisten wurde. In seinem Buch erzählt er von den katastrophalen Folgen der Zwangswirtschaft in der Sowjetunion für die Arbeits- und Lebensbedingungen sowie über die Auswirkungen von Gesetzlosigkeit und Willkür, die damals sicher unglaublich anmuteten, aber später vielfach bestätigt worden sind. Viele ältere Leser werden sich an das Buch erinnern, denn es wurde, besonders nach dem Angriff auf die Sowjetunion 1941, in hohen Auflagen verbreitet und stand in Büchereien der Hitlerjugend, der SS und der Wehrmacht.

Wer aber war dieser Karl Albrecht, dessen Lebenslinie sich auf so bizarre Weise mit dem europäischen Schicksal dieses Jahrhunderts verbindet? Versucht man seine Spur aufznehmen, so findet man dazu reichhaltiges Material vor allem in den Akten, die über ihn im Propagandaministerium des Joseph Goebbels und beim Reichsführer SS Heinrich Himmler über ihn geführt worden sind – und natürlich in seinem Buch. Es bleiben Fragen offen, die wahrscheinlich niemand mehr beantworten kann. Trotzdem ergibt sich ein Lebens- und Charakterbild, das zwar nicht „typisch deutsch“ ist, aber in unserem Jahrhundert wahrscheinlich nur zu einem Deutschen paßt.

Karl Albrecht wurde am 8. November 1897 in Weingarten geboren und unter dem Namen Karl Matthäus Low in das Standesamtsregister eingetragen. Sein Vater, Johannes Löw, laut standesamtlicher Eintragung „Feldwebel am hiesigen Husarenregiment“, starb früh, so daß Karl mit der Mutter und den Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen leben mußte.

Er besuchte die Volksschule und anschließend eine Militärschule der württembergischen Armee, um die Unteroffizierslaufbahn einzuschlagen. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde der knapp Siebzehnjährige an der Westfront eingesetzt, nach dem Urteil seiner Vorgesetzten galt er als tapfer und einsatzfreudig. Er wurde fünfmal verwundet, erhielt das Eiserne Kreuz I. Klasse und erlebte das Kriegsende als Vizefeldwebel.

Ende Dezember 1918 trat der junge Mann in die württembergische Ordnungstruppe ein, die im Auftrag der sozialdemokratischen Regierung die innere Sicherheit besonders gegen den Spartakusbund, die späteren Kommunisten, garantieren sollte. Von seinen Kameraden wurde er zum Vorsitzenden des Batailfons-Soldatenrates und später zum stellvertretenden Kommandeur der Truppe gewählt.

Im Januar 1919 begleitete er einen Transport verhafteter Führer des Spartakusaufstandes von Stuttgart nach Ulm. Unterwegs sollten die Gefangenen „auf der Flucht“ erschossen werden, doch Karl rettete das Leben der Verhafteten – unter ihnen war auch Willi Münzenberg, der spätere Organisator des großen kommunistischen Pressekonzerns und der Roten Hilfe.