Von Dietrich Strothmann

Der „rote Mullah“, Mustafa Barzani, lag auf dem Sterbebett. Sein Leben lang hatte er, nun im amerikanischen Exil, um Kurdistan gekämpft, gegen Russen, Perser, Iraker, Türken. Sein Traum aber vom eigenen Staat war ein Traum geblieben. „Wir sind die Waisen des Universums. Im Grunde kümmert niemanden, was mit uns passiert.“ Barzani starb, hochbetagt, vor bald zehn Jahren.

In den letzten Wochen, mit dem Waffenstillstand im Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak, endet noch einmal derselbe Traum: Tausende von Kurden aus dem Nordirak werden von Bagdads Soldaten niedergemacht, ihre Dörfer verwüstet. Zehntausende suchen Zuflucht in der benachbarten Türkei. Ist es die letzte, erbarmungslose Schlacht um Kurdistan, die irakische Truppen gegen die Peschmergas (die Todgeweihten), gegen Frauen und Kinder führen?

An vielen Orten der Welt fordern Volksgruppen ihren eigenen Staat, kämpfen seit langem um ihr Selbstbestimmungsrecht, oft genug mit Mitteln des Terrors: die Sikhs in Indien, die Tamilen in Sri Lanka, die Palästinenser am Jordan. Es sind „Völker ohne Länder“. Die ältesten, die um ihren Staat kämpfen, bisher erfolglos, sind die Kurden, aufgeteilt zwischen der Türkei, Syrien, dem Irak, dem Iran und der Sowjetunion. An die 16 Millionen leben in der Trennung und Verbannung. Dabei werden sie in der Geschichte früher erwähnt als ihre heutigen „Gastgeber“ (bereits vor über 4000 Jahren), wurden sie in diesem Jahrhundert immer wieder von ihren angeblichen Beschützern verraten – 1946 von Stalin (als zum ersten und bisher letzten Mal für knapp elf Monate die „Unabhängige Republik Mahabad“ im Nordiran bestand), 1975 vom Schah (der dem Iraker Saddam Hussein die Kurden für die neue Grenze am Schatt el-Arab „verkaufte“), jetzt von den ehemaligen Kriegsgegnern in Bagdad und Teheran, die entweder die Kurden auf dem Schlachtfeld als Söldner mißbrauchten (wie der Iran) oder nun an den „Verrätern“ unter den eigenen Landsleuten blutige Rache nehmen (wie der Irak).

Immer waren die Kurden, die sich keinem fremden Joch beugen wollten, erst die Bauern auf dem Schachbrett der Großen, dann die „Bauernopfer“ zugunsten höherer Machtinteressen; mal politischer Spielball, mal politischer Sündenbock: Syrien setzte seine Kurden gegen die Türkei ein, die Türkei operierte gegen ihre Kurden mit Hilfe des Irak, der Iran setzte seine Kurden als Sprengsatz gegen den Irak ein. Doch keiner wollte ihnen das zugestehen, was sie spätestens seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches anstrebten: den eigenen Staat. Stattdessen wurden sie immer wieder zwischen den Mühlsteinen zerrieben; verzettelten sie sich, wie 1925, 1927 und dann wieder zwischen 1936 und 1937, in erfolglosen, blutigen Aufständen, ob in der Türkei oder danach im Irak.

Immer wieder zerstritten sie sich auch, spalteten sich in Fraktionen auf, die gegeneinander kämpften und sich gegenseitig blockierten. Wie früher die rivalisierenden Stämme, befehdeten sich die Kurden in den letzten Jahrzehnten in politischen Gruppen und Parteien, von den jeweiligen Gastländern zum eigenen Nutzen mit Geld und Waffen gegen den jeweiligen Nachbarn ins terroristische Untergrund-Feld getrieben. Auch so wurde der Anspruch auf das eigene Staatswesen, der Wunsch nach Vereinigung zuschanden. Nach Mustafa Barzanis Tod fehlte dann noch der große, von allen verstreut lebenden Kurden anerkannte Führer.

Bis heute haben sich so zwei alte Urteile über das uralte Volk der Kurden bestätigt: das Sprichwort eigener Überlieferung, wonach sie ein „Volk ohne Freunde“ sind, und des preussischen Generals Moltke Erfahrung nach einer Reise durchs „wilde Kurdistan“, der sie für „unbezwingbar“ hielt, wenn sie vereint wären.

Darum wohl auch haben die Gastvölker die unruhigen, unsteten „Gäste“ unter der Knute gehalten, ihnen eigene Schulen, eigene Dialekte, eigene Verwaltungen verboten. „Bergtürken“ werden sie abschätzig in der Türkei genannt; der „Entkurdisierung“ fielen sie im Irak zum Opfer; in Massen exekutiert wurden sie nach Chomeinis Revolution im Iran unter Aufsicht des damaligen Scharfrichters, des Ajatollah Kalkali.

Dabei hatten die Iraker sie 1958 nach dem Militärputsch ins Land zurückgerufen, dann, 1979, hatten sie sich nach dem Sturz des Schahs neue, vergebliche Hoffnungen gemacht. Bagdad räumte ihnen 1977 eine Art Autonomiestatus für drei Nordprovinzen ein, ohne wirksame Rechte freilich. Die irakischen Machthaber wollten ihren Zugriff zum Öl in dieser Region behalten, und sei es mit Brachialgewalt. Teheran sagte den Kurden, die dann zum Kampf gegen den irakischen „Satan“ bereit waren, ein begrenztes Autonomiestatut in der Provinz Khusistan zu, hielt sich dann aber nicht an das Versprechen, weil dort große Ölvorkommen entdeckt worden waren. Auch Wirtschaftsinteressen standen der Gründung eines eigenen Staates Kurdistan häufig im Wege.

Nun fliehen sie wieder, Hals über Kopf, mit Frauen und Kindern, oft ohne ihre letzte Habe vor der wütenden Soldateska Iraks in den Iran und in die Türkei, aufgenommen und geduldet nur aus „humanitären Gründen“. Mit Massenhinrichtungen ganzer Dorfgemeinschaften und – so wird behauptet, von einigen türkischen Ärzten bestätigt – Giftgas-Attacken führen 60 000 Soldaten, freigestellt seit dem Ende des Golfkriegs von der iranischen Grenze, schonungslos Bagdads Befehl der „verbrannten Erde“ aus. An die hunderttausend Kurden gelangten bisher in die Türkei, wo sie seit Jahrzehnten unterdrückt wurden und sich oft gewaltsam zur Wehr setzten. Ungefähr weitere hunderttausend haben im Iran Rettung vor den Schrecken gefunden, darunter auch viele Peschmergas, die ihren erfolglosen Kampf unbeirrt fortsetzen wollen, im terroristischen Untergrund mit den erprobten Methoden der Guerilla – getreu ihrem Lied: „Freunde, die Kurden leben noch immer. Selbst Bomben konnten sie nicht vernichten. Keiner soll behaupten, sie hätten aufgegeben. Sie werden weiterkämpfen, die Fahne hoch erhoben.“

Vor zwei Wochen, am ersten Tag der Genfer Friedensgespräche zwischen den Iranern und Irakern, demonstrierte eine Gruppe Kurden mit Transparenten, Fahnen und Liedern vor dem Völkerbunds-Palais. Sie waren nur eine folkloristische Attraktion am Rande, UN-Generalsekretär Perez de Cuéllar hatte keine Zeit für sie.