Karl Mannheim, der Soziologe des Wissens, und seine Studenten, an den Marmortischchen des Café Laumer in Frankfurt. Eine Straßendemonstration und das Transparent "Photographieren ist auch eine Waffe im Klassenkampf. Hinein in den Arbeiter-Fotografen-Bund!" Oder Henri Barbusse, krank mit der Kippe im Mund, in einer Pausenecke, in der Mutualité, beim großen Kongreß gegen den Faschismus, 1935. Und es ist schon so lange her, daß der graue Mann Harmonika spielte, vor den grauen Arbeiterhütten im Norden Englands, daß Evita Perón sich über den Koffer mit ihren viel zu vielen Edelsteinen beugte. Was verbindet uns mit diesen Bildern aus der Zeit, als die Armen noch arm waren, die Herrschenden sich nicht versteckten und die Dichter sich ernst nahmen?

Gisèle Freund stammt aus dieser Zeit. Zur Eröffnung ihrer Ausstellung erzählt sie von ihren Photoreportagen: von Frida Kahlo und der schlechten Luft in Mexiko City, von Wahrsagern in Paris und vom Volk in Argentinien, das begeistert war über die vielen Ringe der Evita. "So ist das eben", sagt Gisèle Freund, dann hustet sie und erzählt die nächste Geschichte. Mit Nachdruck, Unvoreingenommenheit und Direktheit, so wie man als Fabrikantenkind aus Schöneberg, als Pariserin und Photographin eben ist. So wie man als Emigrantin eben wird.

In Paris schrieb sie ihre Dissertation über die Photographie im 19. Jahrhundert, die sie bei Mannheim begonnen hatte, zu Ende. Danach lebte sie in Argentinien und Mexiko. Ihr Geld verdiente sie zeitlebens als Reporterin. Nebenher, so als lebte sie noch in der Zeit, als Photos noch keine Ware waren, baute sie eine Galerie von farbigen Dichterporträts auf. Von Dichtern, die sie mochte. Diese Bilder sind der Kern der kleinen Ausstellung in Berlin – zusammen mit Dokumenten, Zeitungen und Erinnerungsstücken.

Eine Aura der technischen Unvollkommenheit umgibt diese Bilder heute: Die zarten Töne aus der Frühzeit der Farbphotographie entrücken uns T.S. Eliots angestrengtes Lächeln, Colettes Versuche in Abgründigkeit, Malraux’ Jünglingsverzweiflung, und Cocteaus Selbstinszenierung zwischen blaßbunten Lampenkugeln. Auf einer Vernissage im Februar 1939 sahen sie sich alle zum ersten Mal farbig, in Adrienne Monniers Buchladen: Paulhan, Breton, Romains, Genet und Benjamin (er kam als erster, sein Name steht ganz oben auf der Gästeliste). "Wir sehen alle aus, als kämen wir aus dem Krieg", sagte Sartre. Der Krieg, der dann kam, hat die Welt der Intellektuellen im Café zerstört, die Welt der Dichter, die man ernstnahm. Und deshalb machen sie wehmütig, die Bilder der Gisèle Freund – so wie alte Familienphotos: vertraute Gesichter, sehr weit entfernt. So ist das eben. (Gropiusbau, bis 16. Oktober)

Mathias Greffrath