Von Volker Hage

Bodensee, 3. Juni, kurz nach vier Uhr morgens. Ein Held von Martin Walser erwacht aus seinen Träumen. Wir kennen ihn: „Gottlieb Zürn träumte, er liege in einer Wiege und diese Wiege stehe mitten im Rheinfall und über die Wiege beuge sich eine Frau und die Frau singe, aber man hörte sie nicht...“ Wir kennen ihn, den Makler Dr. Gottlieb Zürn, aus dem Roman „Das Schwanenhaus“. Wir kennen auch diese Art der Romananfänge. Nicht zum ersten Mal variiert Walser den Eingangssatz aus Kafkas „Verwandlung“ („Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“). Wir kennen im Grunde schon den Verlauf des Romans, sogar den Schluß: Den Helden, so vermuten wir auf der ersten Seite, treibt es hinaus ins feindliche Leben, am Ende kehrt er heim in den Schoß der Familie. So geht es nämlich seit einem Dutzend Jahren in fast allen Walser-Büchern zu und aus. Auch die „Jagd“, die uns der Titel verheißt, wird sich an dieses Schema halten. Lohnt es überhaupt, den Roman zu lesen?

Erstes von neun Kapiteln. Zürn geht, nachdem er wach ist, durch den Garten, folgt dem Geräusch, das ihn im Traum verfolgt hat: Im See paaren sich die Brachsen, es wimmelt „von durcheinanderschwimmenden, immer wieder jäh die Wasseroberfläche durchbrechenden und auf das Wasser mit Schwanzflossen einschlagenden Fischen.“ Damit ist das Motiv des Buches angeschlagen, die Jagd kann beginnen. Erstes Opfer: Zürns Ehefrau. Sie steht plötzlich hinter ihm in der Morgensonne, „nackt in ihrem schwarzdurchsichtigen Nachthemd“. Der Ehemann möchte – wenigstens das – ein Photo von ihr machen, sie verscheucht ihn. Sie ein Opfer? Die Ehefrauen der Walserschen Helden eignen sich kaum zu dieser Rolle. Diese hier, Anna, hat mittlerweile nicht nur die Familie, sondern auch das Immobiliengeschäft fest im Griff. Bevor der Roman recht begonnen hat, ist der Jäger schon Verlierer. Am Ende des ersten Kapitels steht Zürn unter der Dusche: „Die Entfernung, die durch Annas Verhalten zwischen ihnen entstanden war, fühlte er als eine Sehnsucht, die in Feindseligkeit umschlagen wollte.“

Der Tag hat begonnen, die Jagd ist nicht mehr abzublasen: Die Beute fragt den Jäger nicht, ob er bereit ist – sie bietet sich an, sie greift an. Dabei würde Gottlieb Zürn am liebsten still in seinem Zimmer an seinem Schreibtisch sitzen und für sich bleiben. Das war schon im „Schwanenhaus“ nicht anders, dem 1980 veröffentlichten Roman, in dem (dieser) Zürn erstmals als Hauptfigur agierte. Seither hat er sich ganz auf den „Innendienst“ des Maklergeschäfts geworfen. „Bewegungen fielen ihm von Jahr zu Jahr schwerer“, heißt es in der „Jagd“. „Sein Part war Schlucken, Schweigen. Solange er dabei sitzen und vor sich hin schauen durfte, wollte er sich nicht beklagen.“

Das soll ein Held sein? Mit so einem soll sich literarisch Staat machen lassen? Gottlieb Zürn ist wahrlich keine Identifikationsfigur, nicht einmal ein richtiger Schmerzensmann. „Er kennt weder den ewigen Magenschmerz seines Vetters Xaver noch den Weltschmerz seines Vetters Franz, ihm tut das Leben selber weh. Nur das, sonst nichts.“ Sonst nichts! Wir sind mittendrin im Romankosmos der „Einsilbigen“ (wie Walser ein wenig spöttisch die Helden seiner neueren Romane und Novellen genannt hat – um sie abzusetzen gegen die Figur mit Namen Anselm Kristlein, die die Trilogie der sechziger/siebziger Jahre bestritten hat): Xaver, das ist der andere Zürn, der Fahrer aus „Seelenarbeit“; Franz, das ist der Angestellte Horn, der das erste Mal 1976 in Jenseits der Liebe“ auftrat, jenem Roman, der den neuen Zyklus – nicht glänzend, aber keineswegs unwürdig – eröffnete. Nicht verwandt oder verschwägert mit den Zürns und Horns ist Helmut Halm, der Lehrer, der gern mit seiner Frau am Bodensee Urlaub macht: bei Gottlieb Zürn, der nebenher Zimmer an Urlaubsgäste vermietet (und, versteht sich, Anna alles regeln läßt). So erscheint der Makler Zürn erstmals am Rande in der 1978 erschienenen Novelle „Ein fliehendes Pferd“, dem auflagenstarken Paradepferd im Walserschen Prosazirkus.

Der Studienrat ist in der „Jagd“ nicht mit von der Partie, aber die Konstellation im Roman hat Ähnlichkeit mit jener aus der Novelle: Wieder taucht ein junges Paar auf, das – wie seinerzeit dem Ehepaar Halm – nun den Zürns auf den Pelz rückt. Vor Wiederholungen, Spiegelungen, Parallelaktionen hat dieser Autor keine Scheu. Gisela und Stefan Ortlieb also: so heißen die neuen Gäste, schon am ersten Abend ist man per du, und Gisi, wie sie nur noch genannt wird, berührt Zürn unter dem Tisch mit dem Fuß am empfindlichen Punkt. Er hat keine Chance, Jäger zu werden; er ist schon der Gejagte. Und immer Ärger mit den Töchtern: Ausgerechnet jetzt muß Julia verschwinden, die demnächst ihr Abitur machen soll. Als auch das kuriose Paar überstürzt abreist, weiß Zürn nicht, worauf er in seinem Zimmer mehr warten soll: auf die Anrufe von Gisi oder von Julia. Die eine meldet sich und macht Versprechungen, die andere bleibt verschwunden. Es hilft alles nichts: Zürn muß die Fährte aufnehmen, er muß hinaus in feindliche Umgebung. Da ist noch der Wink einer Dame am Telephon, daß eine Freundin eine Villa verkaufen will. Und so läßt sich das eine mit dem anderen verbinden, lassen sich erotische Wünsche mit Familien- und Geschäftspflichten tarnen. So pendelt Zürn zwischen Frankfurt und München hin und her, verfehlt fast alles, trifft immer daneben, immer das Falsche: die falschen Menschen und die falschen Entscheidungen – ein Mann ohne Jagdglück. Die Frauen treiben ihn an und um: die verschwundene Tochter, die besorgte Ehefrau, die lockende Geliebte in spe, die Kundin mit dem gelähmten Mann – und jene Annette, die sich Zürn und Gisi für eine menage à trois anbietet.

Daraus wird nichts, natürlich nicht. Zwar liegen die drei schon entkleidet und mit offenen Armen auf dem großen Bett – da beginnt Annette zu erzählen, und sie hört nicht mehr auf. Die Beute berichtet dem verdutzten Jäger von An- und Übergriffen, einer politischen Jagd aus den Tagen von und nach 1968: Annette als Opfer von Staats- und Verfassungsschützern, später von Männern, die sie für sexuelle Spiele mißbrauchen, als ihr Verfolgungswahn längst in einen regelrechten Wahn umgekippt ist. So hat sich Zürn die Verwirklichung seiner kühnsten Träume nicht vorgestellt – der Jäger ergreift die Flucht, er zieht sich an, macht sich aus dem Staub.

Was Walser sich hier gestattet, spricht allen Regeln der Erzählkunst Hohn. Er bringt die Handlung durch einen schier endlos referierten Monolog zum Erliegen. Es ist eine quälende Beichtstunde, und sie geht nicht nur an, sondern auch auf die Nerven. Aber was soll’s? Die Erwartungen des Lesers sind wie diejenigen Zürns in sich zusammengefallen – schon lädt der Autor das erzählerische Energiefeld wieder auf.

Das ist es ja gerade, woran sich Walsers Meisterschaft immer wieder aufs neue bewährt: seine Helden in ihren düstersten Augenblicken zu begleiten. Zürn sitzt im Zug und kann es nicht fassen: „Mein Gott, warum ist er denn nicht geblieben! Idiotidiotidiot!“ Und schon setzt sich in seinem Kopf das Wunschbild wieder zusammen: „Er hatte das Gefühl, mit einer Frau allein, das sei nicht besonders menschlich. Humanisieren wir den Geschlechtsverkehr. Dieses schonungslose Gegeneinander von zweien – schrecklich.“ Je weiter er sich von der Möglichkeit zur Realisierung entfernt, desto mutiger wird unser Jäger. Kaum beginnt Gisi, ihm wieder nachzustellen („Dann rufste mich an, dann komm ich halt zu dir ins Hotel, wir können das ja nicht ewig aufschieben“), zuckt er erneut zusammen und zurück. Er flüchtet aus dem Hotelzimmer – weil er plötzlich sicher zu wissen glaubt, seine Frau habe versucht ihn anzurufen, während er mit der anderen telephonierte. Er fühlt sich schon ertappt, bevor noch etwas passiert ist.

„Es ist nichts so schwer wie das: die eigene Frau zu gewinnen. Verführen.“ Von dieser Schwierigkeit spricht der Autor unentwegt, nicht erst in der „Jagd“. Die Ehe, das letzte Abenteuer des ausgehenden Jahrhunderts? Sonst keine Sorgen? Walser zeigt in seinem Bodensee-Zyklus Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse – wem das Sujet des Ehekampfes zu gering ist, der nehme es als Bild, als Beispiel. Kaum einer vermag die Verwerfungen und Abgründe in den menschlichen Verhältnissen besser auszuloten als Walser. „Differenz hält Ehen zusammen, nicht Einigkeit“, hieß es – über das Ehepaar Halm – in der „Brandung“. Zürn resümiert die eheliche Lustfrage: „Es ist bei ihnen noch nicht zweimal auf die Weise zu dem gekommen, wofür es kein Wort gibt, es sei denn das Polizeikontrollwort GV. Es sieht doch immer so aus, als gehe es überhaupt nicht mehr.“ Und geht dann eines Tages vielleicht doch wieder. Oder auch nicht: „Aber sobald sie dann im Schlafzimmer sind, ist die Luft geladen mit nichts als Vereitelungspotenz.“

Wie auch immer: das Thema Sexualität hat Walser seit dem Roman „Das Einhorn“ aus dem Jahr 1966 nicht mehr dermaßen entschieden ins Zentrum eines Buches gerückt. Der Ich-Erzähler Kristlein verkündete damals, es gebe „für solche Nächte, so wichtig sie für das Abendland sein mögen, keine zugelassene oder auch nur anwendbare Sprache, man wäre denn Arzt und weithin unverständlich“. Daran hat sich bis heute für Walser nichts geändert. Als Zürn dann nicht der beharrlichen Gisi, sondern einer potentiellen Hausverkäuferin zur erotischen Trophäe wird, bleibt ihm nur festzustellen: „Er hat zwar gesiegt, aber krasser kann man nicht verlieren als durch diese An Sieg.“ Und: „Sex, hat sie gesagt. Ein Wort aus dem Lexikon, aus, dem die Krankheiten stammen und die Defekte. Sex, das klang, wie es war.“

Es scheint mir verfehlt zu sein, diesen Autor schlicht als realistischen Erzähler zu nehmen. Wer sich mit der Erwartung seinen Romanen nähert, einem Gesellschaftspanorama zu begegnen, muß enttäuscht sein. Im Grunde hält Walser seine Geschichte mit einem einzigen Mittel in Gang: dem Ton, der unverwechselbaren Sprache, Das ist die Beute, die der Erzähler Walser immer wieder heimbringt (und das heißt für ihn: ins Buch bringt) – feinste Partikel aus dem Alltagsleben, eingefaßt in wertbeständiges Wortgold.

Wenn andere Erzähler womöglich eine Geschichte erzählen wollen und sie hier und da, um es recht glaubwürdig zu machen, ein paar gut beobachtete Einzelheiten und Genauigkeiten einstreuen, macht Walser es gerade umgekehrt: Er hat seine Beobachtungen, denen die Sprache dient, und erfindet sich eine Geschichte dazu. Tatsächlich ist das Mäntelchen der Fiktion dünn – dünner, als es Walser selbst vielleicht wahrhaben will. Hinzu kommt: Die Hauptfigur, auch wenn sie in der dritten Person auftritt, nimmt den anderen Figuren die Luft weg; eine überzeugende Konfrontation, eine dialogische Situation (wie noch im „Fliehenden Pferd“) liegt hier nicht vor. Das alles ist in der „Jagd“ Zugabe, unwichtig fast: die Handlung, die Schauplätze, die Figuren (in diesem Fall bleiben vor allem, außer Ehefrau und Töchtern, die weiblichen Figuren bloße Schemen).

Damit muß man sich zufrieden geben: die Welt mit Gottlieb Zürns Augen zu sehen – andere Angebote werden für dieses Mal nicht gemacht. Wer diesen Blick nicht schätzt, nicht teilen mag (vielleicht weil er ihn vorschnell geringschätzt), der wird draußen vor bleiben, den Jagdszenen vom Bodensee nicht folgen können und einen bizarren, ironischen, verqueren Beutezug versäumen. Es ist nicht schwer aufzuzählen, was diesem Roman alles fehlt – und er ist doch zu preisen.

Was ist so faszinierend? Das Geheimnis der „Jagd“ ist schwer zu umreißen und liegt, wie bei allen Werken der Literatur, deren Schwächen spürbar sind und die doch eine große innere Kraft ausstrahlen, in der Form. Die Suche nach erotischem Leben ist bei Walser eine erotische Suche nach Leben; fast jeder Satz ist angeschrieben gegen den drohenden Stillstand. Das Motiv der Jagd ist auch eines des Schreibens: ein Imperativ!

Zugleich – und das wohl macht die Spannung, die sich auf den Leser übertragende Zerrissenheit aus – durchströmt diesen Roman eine Sehnsucht gerade nach diesem Stillstand, nach der Erstarrung, das heißt: nach dem Tod. Gestorben wird zweimal in der „Jagd“: Am Rande erfahren wir, daß Annette ihrem Wahn nicht entfliehen konnte und sich selbst getötet hat. Und am Bodensee jagt, Burleske und Satyrspiel, der Hund der Zürns den Zwerghasen, den die Kinder von Pensionsgästen mitgebracht haben. Es ist bezeichnend, daß uns dieser Tod in den Wellen des Sees nähergeht als der ferne Selbstmord. Ein fliehender Hase – für die ironische Spitzfindigkeit des Autors spricht der Name des gehetzten Tieres: Romeo.

Ganz so wie erwartet geht dieser Roman dann doch nicht zu Ende. „Sehnsucht und Enttäuschung entsprechen einander so genau wie nichts sonst in dieser Welt“, ist die Erfahrung, die unser Gottlieb mit nach Hause bringt. Ihn, den „Heimkehren heiter“ macht, „auch wenn es dafür keinen Grund gab“, erwartet kein großer Empfang, aber in der Nacht mit Anna jene „Engführung“ im Ehebett, „für die es nur Tarn- und Trotzwörter gibt“. Doch in ehelicher Eintracht und Geborgenheit kommt die Geschichte nicht zur Ruhe.

Wieder ruft der See. Noch einmal beginnt ein Tag, und Gottlieb Zürn schwimmt hinaus. Er spielt mit dem Gedanken, nie mehr zurückzukehren – was bedeutet: ewig so zu schwimmen, denn diese Tätigkeit ist, „was den Zusammenklang von Tun und Lassen angeht, nicht vergleichbar“. Schwimmen ist für Zürn „ein körperliches Nachdenken“. „Schwimmend macht er die allgemeinste Erfahrung, die man überhaupt machen kann.“

Keine Frage: hier ist nicht nur vom Schwimmen, hier ist vom Schreiben die Rede. Schon im „Schwanenhaus“ erfuhren wir über Gottlieb Zürn: „Er hielt sich für nichts lieber als für einen Dichter. Aber er wußte, daß er es niemandem sagen durfte.“ Immer noch schreibt er heimlich Gedichte, die er seine „Achillesverse“ nennt. Der Makler Zürn ist von allen „Einsilbigen“ dem Autor wohl am nächsten. Wenn er an seinem Schreibtisch zufrieden auf die Rücken der Ordner mit den Immobilienanzeigen schaut, könnte auch von Romanen die Rede sein: „Und vielleicht hing das Befriedigende zusammen mit dem Sinnlosen. Die Jahreszahlen drückten das am meisten aus. Zeit war verbracht worden, und man sah, wieviel, basta. Sterben wollen können, das war’s.“

Eros, Ehe und Erlebnishunger sind die äußeren Markierungspunkte dieses Romans, das Verhältnis von Leben, Literatur und Todeslust sein geheimes Motiv. „Jagd“ ist kein autobiographischer Schriftstellerroman, Gottlieb kein Alter ego – ein Roman über die künstlerische Existenz ist das Buch dank der Struktur. Die „Jagd“ – das ist auch die Jagd nach Stoff, ist die Anstrengung, die nötig ist, um das Schreiben in Bewegung zu halten: Irgendwann muß sie wieder abgeblasen werden.

Schlußbild mit See. Über den Helden im Wasser heißt es: „Gottlieb war durchdrungen von der Einbildung, das Treiben ruhe.“ Wenn das Leben in die Literatur mündet, kommt es, für einen zerbrechlichen Augenblick, zum Stillstand. Nichts kann dann passieren, es drohen keine Gefahren und Überraschungen mehr: „Die Familie kommt einem, solange man schwimmt, wie gerettet vor.“

Man weiß: Das wird nicht ewig dauern. Man weiß: Das Spiel wird von neuem beginnen. Und schon fragt man sich: Wie geht es eigentlich Xaver Zürn und seinen Töchtern? Was macht das Ehepaar Halm? Wir bitten um Fortsetzung.