/ Von Karl Markus Michel

Welcher Schlaumeier hat uns eigentlich eingeredet, wir Abendländer befänden uns in der Neuzeit, nachdem wir Altertum und Mittelalter glücklich hinter uns gebracht haben? Nun müssen wir also neu sein, schon seit etwa vierhundert Jahren, und kein Ende ist abzusehen, wenn diese Etappe so lange währen soll wie die ihr vorausgegangenen, nämlich rund tausend Jahre. Schon heute kommt es uns hart an, immer von neuem neu zu sein. Im Grunde schaffen wir nur noch Neuauflagen von früheren Moden und Stilen, und diese Rückgriffe wechseln so schnell und überschneiden sich so sehr, daß die berühmte Dynamik der abendländischen Kultur durchzudrehen scheint: Die Nostalgie beißt sich in den Schwanz.

Fragen wir also, vom Schwänze her, wie diese Dynamik früher wirkte, als wir noch frischer waren. Die Formel ist denkbar einfach: Innovationszwang. Seit der Renaissance und stärker noch seit dem 18. Jahrhundert, als sich in der höheren Kultur die Idee des Originalgenies und des Originalwerks durchsetzte, mußte etwas Neues und Einmaliges schaffen, wer auffallen und ankommen wollte. Das hieß aber nicht, daß jeder nach seinem Belieben Neues anbieten durfte. Keine Kultur kann sich solchen Anarchismus leisten; sie würde zerfallen, zersplittern in individualistische Willkür. Gefordert war vielmehr eine bedingte Innovation: das Einmalige im Rahmen des Überkommenen und Erwarteten; das Besondere, das diesen Rahmen erweitert, vielleicht sogar sprengt, ihn als solchen aber nicht in Frage stellt. Das Neue, heißt das, mußte früher oder später in die Tradition eingehen können, oder es war nichts, war nur die belanglose Hervorbringung eines Bastlers, eines Sonderlings, eines Verrückten.

Diese Dialektik von Innovation und Tradition findet sich natürlich in jeder Kultur. Aber in der abendländischen ist sie gespannter als irgendwo sonst. Ihre Dynamik stammt aus dem zentralen Mythos unserer Zivilisation, dem Individualismus, der jedem Subjekt aufträgt, ein mündiges und autonomes zu sein, und ihm zugleich die Spielregeln diktiert, an die es sich halten soll, ihm Widerstände in den Weg legt, an denen es sich stählen kann – oder an denen es zerbricht. Für den individuellen Ausdruck bedeutet dies, daß er erwünscht ist, aber meistens für die Katz. Vieles davon bleibt im Abseits der Kultur, verkümmert dort, verlischt – oder es wird erst spät, vielleicht erst nach Jahrzehnten in die Kultur hereingeholt, der Tradition zugeschlagen. Manches andere hingegen, das von Anfang an. als Kulturprodukt konsumiert worden ist, weil es den Konventionen entsprach, gerät schon bald in Vergessenheit, denn es trägt nichts bei zur Tradition der Innovationen, zum Kanon der Einmaligkeiten.

Kurz, die Kosten unserer Kultur sind hoch. Warum wurden sie trotzdem über Jahrhunderte hin bezahlt? Weil die Palme des Ruhmes winkte, ein vielleicht erst postmortaler Lorbeer lockte? Das wohl kaum. Es gab eine viel banalere Triebkraft, die vom Sozialisationsprozeß geliefert wurde, nämlich das Meister-Schüler-Verhältnis. In den Lehrjahren, die oft sehr lange dauerten, wurde der Nachwuchs eingeführt und eingeübt in die Tradition, in den jeweiligen Stand der kulturellen Techniken und Kenntnisse, in die verschiedenen handwerklichen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Disziplinen. Der Schüler sollte seinen Meister erreichen. Aber der Schüler wollte mehr: ihn übertreffen, über ihn hinauswachsen, um Neues zu schaffen, Eigenes und Einmaliges. Dieser Ehrgeiz führte in der Regel zu einer Verfeinerung der Methode oder des Stils, die entweder in starren Akademismus oder in willkürlichen Manierismus mündete. Nur wenigen gelang das wirklich Neue.

Es konnte aber geschehen, daß eine nachwachsende Generation sich querstellte, besonders dort, wo eine Technik so perfekt, ein Stil so satt geworden waren, daß sich hier nichts mehr gewinnen ließ. Die Folge war dann oft eine Rebarbarisierung der Formensprache (wie es zunächst erschien), die aber die Chance hatte, wieder stilbildend zu wirken – als ein Bruch mit der Tradition, der diese bereicherte. Denn die Tradition nährt sich von den Innovationen, die sie aus sich hervorstülpt. Und der ständige Druck der Nachwachsenden, die in den Kulturbetrieb hineindrängen, indem sie sich an den Meistern messen und sie sogar brüskieren, zwingt zugleich die Meister zu stets neuen Anstrengungen: Sie müssen beweisen, daß sie besser sind, daß gerade sie das wahre Neue zu schaffen vermögen.