Von Peter Reichel

Jost Hermand, in Kassel geboren und seit langem als Professor für deutsche Literatur an der Universität Wisconsin/USA tätig, ist einer der produktivsten, kenntnisreichsten und anregendsten Autoren, dem wir mittlerweile mehr als ein Dutzend grundlegender Bücher zur deutschen Literatur- und Kulturgeschichte verdanken. Zusammen mit Richard Hamann schrieb er in den sechziger Jahren das fünfbändige Werk „Epochen deutscher Kultur von 1870 bis zur Gegenwart“, das in der gelungenen Verknüpfung von Kunst, Massenkultur und Politik seinesgleichen sucht, aber zu wenig Beachtung gefunden hat und im Buchhandel gegenwärtig nicht erhältlich ist. In den siebziger Jahren folgten Bücher über Heine, vor allem aber die zusammen mit Frank Trommler geschriebene Gesamtdarstellung der Weimarer Kultur. Vor zwei Jahren schließlich erschien seine Darstellung der Kulturgeschichte der Adenauer-Ära: „Kultur im Wiederaufbau“.

Hermand hat sich immer wieder mit der kulturellen Vorgeschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Das Thema der „Deutschen Ideologie“, die den „Deutschen Weg“ bis 1933 mobilisierend und rationalisierend begleitet hat, ist also für ihn nicht neu. Ihn hat wohl gereizt, sich einmal im historischen Längsschnitt und ausschließlich mit der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der völkisch-nationalistischen Roman- und Traktatliteratur zu beschäftigen. Heute längst vergessen, sind in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts immerhin zwei- bis dreihundert solcher Bücher erschienen. Sie erreichten teilweise hohe Auflagen und fanden Hunderttausende von gläubigen Lesern. Was hier seinen ins Chauvinistische und Rassistische gesteigerten Ausdruck fand, hatte ursprünglich ein emanzipatorisches und progressives Profil. Um Wandel und Kontinuität dieser Bewegung aufspüren zu können, spannt Hermand einen weiten Bogen: vom Vormärz zum Vorabend des Dritten Reichs:

Jost Hermand:

Der alte Traum vom neuen Reich. Völkische Utopien und Nationalsozialismus

Athenäum Verlag, Frankfurt 1988; 387 S., 48,– DM.

Unter dem Einfluß der napoleonischen Eroberungskriege wurden die jakobinischen Kräfte in Deutschland nachhaltig geschwächt, verengte sich die demokratisch-patriotische Ideologie ins Deutsch-Nationale. Gleichwohl lassen sich in der breiten bürgerlichen Befreiungsbewegung verschiedene Strömungen des „nationalen Gemeinsinns“ ausmachen. Sei es um Ernst Moritz Arndt und Theodor Körner eine mehr pietistisch-nationale, sei es eine mehr antifranzösisch-germanophile bei Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Ludwig Jahn, Heinrich v. Kleist und Caspar David Friedrich, sei es schließlich um Joseph Görres und Jakob Grimm eine mehr deutsch-romantische. Hier formierte sich – so Friedrich Engels später – seit den Bauernkriegen eine der wichtigsten politischen Massenbewegungen in Deutschland, die jedoch am Ende zerrieben wurde: zwischen revolutionärer Euphorie und repressiver Reaktion, zwischen „Wartburgfest“ und „Karlsbader Beschlüssen“ .Als das zweite Reich am 18. Januar 1871 im Versailler Spiegelsaal proklamiert wurde, fiel die Mehrheit der Deutschen in einen nationalen Begeisterungstaumel, war die von den Vormärzlern und Achtundvierzigern erträumte deutsche demokratische Republik längst zu Grabe getragen. Das mittelständische Besitz- und Bildungsbürgertum arrangierte sich mit der weiterhin herrschenden preußischen Aristokratie. Von einer republikanischen Verfassung war nicht mehr die Rede, von „Realpolitik“ aber um so mehr. Ihr fehlten indes nicht nur demokratisch-progressive Elemente, ihr mangelte es auch an pragmatischer Selbstbeschränkung. Den Aufstieg des Wilhelminischen Kaiserreichs zur Industrie-Großmacht begleiteten schrille und pathetische Obertöne der sich formierenden „völkischen Opposition“. Angesichts der schleichenden „Entartungstendenzen“, angesichts kultureller Dekadenz und wirtschaftlicher Depression sowie der vermeintlich apokalyptischen Bedrohung durch Kommunismus und Kollektivismus, galt ihr ganzes Bestreben der „Gesundung“ des neugegründeten Reiches und der „Beseelung“ des deutschen Volkes.