Von Peter Körte

In einem Raum der Hazienda in den bolivianischen Yungas hängt eine Regimentsfahne an der Wand, daneben ein Bild des Führers. Das Anwesen ist von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben, seinem Besitzer dienen ein Leibwächter und ein Vorkoster. Was so verdächtig nach Illustriertenkolportage und Nazi-Thriller klingt, wird in Gert Hofmanns neuem Roman „Vor der Regenzeit“ zum bizarren Psychogramm eines ehemaligen Wehrmachtsobersten. Heinrich von Hartung ist kein dämonischer Alt-Nazi, der auf Verschwörung sinnt und „alte Kameraden“ mit dem „deutschen Gruß“ empfängt. Heinrich von Ung – „Ich habe meinen Namen halbiert“ – tituliert zwar die Indios verächtlich als „meine Zwerge“ und beherrscht den Jargon des Unbelehrbaren: „Im Krieg... zwingt es (Deutschland) mich, nach Rußland zu gehen, dann will es mich dafür zur Rechenschaft ziehen.“ Dennoch ist er kaum mehr als die Karikatur eines Herrenmenschen. Don Enrique, wie man ihn in den Yungas nennt, hat nicht nur seinen Namen halbiert; er hat sich zugleich „verdoppelt“, indem er von seiner Vergangenheit spricht, als berichte er von einer fremden Person. Das Verdrängte hat sich zum Gerücht verselbständigt, das ihn wie ein böser Zauber bedroht. „Auch in der Natur hat es sich herumgesprochen“, sägt Don Enrique, daß ein Mann, „der ausgesehen haben soll wie ich“, ein russisches Dorf dem Erdboden gleichgemacht habe.

Der zunächst als Bühnen- und Hörspielautor, dann auch als Erzähler erfolgreiche Gert Hofmann, der seit seinem Prosadebüt 1979 fast in jedem Jahr ein neues Buch veröffentlicht hat, greift hier auf bewährte Techniken und Figurationen zurück. Böse Zungen würden, wie schon bei seinem letzten Roman „Unsere Vergeßlichkeit“, sagen, er plündere alte Bestände. Die Parallelen zu früheren Werken sind in der Tat augenfällig. Sie beginnen bei der Erzählsituation, setzen sich fort im Thema der deutschen Vergangenheit und enden bei kleineren motivischen Doubletten. Daß Frauen in Hofmanns Prosa über die Rolle von Statistinnen selten hinauskommen, auch daran hat sich nichts geändert. Nika, die Verlobte des Ich-Erzählers Franz, wird allein in dessen zwanghaft-eifersüchtigen Beschreibungen sichtbar.

Franz, ein Geschäftsmann aus der Ölbranche, teilt dabei das Schicksal der Hofmannschen Erzählerfiguren: aus der Sicht desjenigen zu berichten, der nicht begreift. Angereist, um seinen Onkel Heinrich von Hartung zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen, sieht Franz sich in eine Szenerie versetzt, die er weder versteht noch verstehen will. Für den Onkel und dessen ausuferndsprunghaften Redefluß hat er nur höfliches Desinteresse. Nach außen hin ein aufmerksamer Zuhörer, gleiten seine Gedanken immer wieder ab in masochistisch anmutende Phantasien über die Untreue seiner Verlobten.

Vertraut dürfte Hofmann-Lesern auch die Inszenierung eines Bruderzwists sein. In seinem Erstling „Die Denunziation“ (1979) kommt der Bruder des Erzählers in einer psychatrischen Anstalt um. In „Vor der Regenzeit“ liegt der Tod von Don Enriques Bruder bei Ankunft der Besucher nur wenige Stunden zurück. Johannes von Härtung wurde von einem Polizisten erstochen, der ihn auf der Flucht aus einer Anstalt verhaftet und auf die Hazienda gebracht hatte. Die letzte Begegnung zwischen dem ehemaligen Guerillero Johannes und dem hochdekorierten Frontkämpfer Heinrich verlief in sprachloser Gleichgültigkeit. „Sein Kopf war mir immer ein Rätsel“, erklärt treuherzig-borniert Heinrich, der dem tödlichen Kampf als Zuschauer beigewohnt hat.

Die Chronik dieses vermeidbaren Todes, von Franz in den Worten seines Onkels wiedergegeben, ist durchsetzt mit Erinnerungsbruchstücken aus der familiären Vergangenheit. In den zerstückelten und abschweifenden Erzählungen Don Enriques werden seine Gewohnheiten und Marotten als Symptome eines handfesten Verfolgungswahns erkennbar. Der Ich-Erzähler nimmt Widersprüche und Ungereimtheiten gleichsam nur zu Protokoll, verzichtet auf Rückfragen und Kommentare. „Da seid ihr richtige Nickpuppen“, sagt der Onkel, in dessen Wahrnehmungen sich Einsichten und Verzerrungen unauflöslich ineinandergeschoben haben. So unbeteiligt wie der Onkel den Tod seines jüngeren Bruders verfolgt hat, so gleichgültig nehmen Franz und Nika dann den Besuch zweier Männer zur Kenntnis, die dem Herrn von Ung nahelegen, „es zu machen“. Daß Heinrich von Härtung sich am Ende im Zimmer seines Bruders erhängt, vermerken die Verlobten eher pikiert.

„Vor der Regenzeit“ ist ein merkwürdiges Buch. Es arbeitet mit Andeutungen, Halbwahrheiten und nicht zu Ende geführten Sätzen. Die Konturen des Wirklichen verschwimmen in der flimmernden Hitze. Der Tote ist gar nicht Don Enriques Bruder, murmeln die Indios bei der Beerdigung.