Von Horst Bieber

Notleidend war er schon häufiger, der schnelle Brüter im niederrheinischen Kalkar. Doch seit die Bundesregierung die Betreiber und die Elektrizitäts-Versorgungsunternehmen zur Mitfinanzierung des Sieben-Milliarden-Projekts heranzieht, haben die Brüterkrisen eine andere Qualität bekommen. Denn jetzt zweifeln nicht mehr nur eingefleischte Kritiker am Sinn und Zweck des Unternehmens. Selbst Unionspolitiker äußern Bedenken, und zwei Stromerzeuger wollen – mit Rückendeckung ihres Stuttgarter Landesherrn – nicht länger ihr Scherflein zum Unterhalt eines Reaktors beitragen, der seit knapp zwei Jahren wohl fertig ist, aber noch immer auf die Erlaubnis der nordrhein-westfälischen Genehmigungsbehörden wartet, den Betrieb aufzunehmen – eine Erlaubnis, die irgendwann oder nie kommen mag.

Derweil kostet die Anlage im Wartestand rund 100 Millionen Mark im Jahr, von denen Betreiber, Bund und Stromunternehmen je ein Drittel tragen sollen. An diesem Verteilerschlüssel will Forschungsminister Riesenhuber unbedingt festhalten, wie er am Dienstag nach einer Ministerrunde beim Kanzler bekräftigte, die sich mit den jüngsten Turbulenzen befaßte. Für Bonn ist der Schnelle Brüter also noch keineswegs gestorben – wenn nur, so beharrt Umweltminister Töpfer, alle sicherheitsrelevanten Fragen zufriedenstellend beantwortet werden können. „Sicherheit“ habe Vorrang vor allen anderen Problemen. Was indes Sicherheit ist – oder andersherum: Welches Restrisiko die Bürger tragen sollen – gerät schließlich doch zu einer politischen Entscheidung.

Scheitert der Brüter am Sicherheitsproblem, wird die Beerdigung zweifellos billiger als nach einem politischen Entschluß, das Projekt nicht zu Ende zu bringen. Belgien und die Niederlande, an Kalkar beteiligt, könnten in diesem Fall ebenso Regreßansprüche erheben wie die Betreiber (wie weit sie erfüllt werden, bleibt vorerst der Spekulation überlassen). Unzureichende oder nicht herzustellende Sicherheit wäre auch für die Politiker eine angenehmere Entschuldigung als das Eingeständnis, über fünf Milliarden Mark an Steuergeldern in ein überflüssiges Projekt investiert zu haben.

Aber Geld und Prestige sind ernsthaft kein Grund, den Brüter doch noch in Betrieb zu nehmen; zuviel spricht dagegen.

Erstens wird er nicht gebraucht. Denn soviel steht schon fest, daß es in der Bundesrepublik die zweite Generation der brütenden Kernreaktoren auf absehbare Zeit nicht geben wird. Zweitens wird Kalkar, wie immer man es rechnet, nie wirtschaftlich Strom liefern oder billigen Kernbrennstoff produzieren.

Drittens erweisen sich alle Hilfsargumente – „Verbrennungsofen“ für Plutonium, das bei der Wiederaufarbeitung anfällt, oder sicherer Speicher für das hochgiftige Schwermetall – bei näherer Prüfung als hinfällig.