Von Franz Alt

Das ist ein Buch gegen den Zeitgeist. Im Klima des Zeitgeistes reiste der Bundeskanzler 1987 nach Lhasa und verkündete: „Tibet ist völkerrechtlich ein Teil Chinas“. Im Klima des Zeitgeistes sind die Geschäfte mit dem großen China viel wichtiger als das Selbstbestimmungsrecht, die Freiheit und die Menschenrechte für das kleine Tibet. Der Zeitgeist bewirkte schließlich, daß der Dalai Lama 1988 die Bundesrepublik besuchte, aber kein führender Politiker in Bonn, Stuttgart oder München für ihn Zeit hatte. Schon bei früheren Besuchen hatte die chinesische Botschaft dafür gesorgt, daß weder Bundespräsident noch Bundeskanzler, weder der Außenminister noch der Oppositionsführer dem „Papst des Ostens“ in Bonn die Hand drückten. Einer großen Koalition der Bonner Politiker ist das Geschäft mit China eben wichtiger als die Moral. Nur Norbert Blüm und Heiner Geißler machten – wieder einmal – eine Ausnahme und bewiesen damit erneut, daß Menschenrechtspolitik kein linkes und kein rechtes Thema ist, sondern das Thema jedes wirklich freien Menschen.

Ganz im Sinne einer konsequenten Menschenrechtspolitik ist das Buch „Tibet ein vergewaltigtes Land“, das Petra Kelly und Gert Bastian herausgaben und zusammen mit dem Dalai Lama in Stuttgart vorstellten. Das Buch dokumentiert Chinas Unterdrückungspolitik in Tibet seit 1949. Auf dem Dach der Welt geschah seither – unter Ausschluß der Weltöffentlichkeit – eine unvorstellbare Barbarei und eine Religionsverfolgung ohnegleichen. 14 Autoren beschreiben und kommentieren den wenig bekannten Leidensweg eines geschundenen Volkes: Von 6000 Klöstern gibt es nach der Kulturrevolution noch etwa 200 – von 370 000 Mönchen noch etwa 2000 bis 3000. Etwa eine Million von sechs Millionen Tibetern wurden umgebracht.

Journalisten und Touristen berichten in den letzten Jahren zwar auch aus Tibet von einer „gewissen Liberalisierung“, aber die Aufstände im Oktober 1987 und März 1988 gegen die chinesische Besatzungsmacht haben auch vielen im Westen die Augen über Chinas imperialistische Politik in Tibet geöffnet. Wer sich in Tibet ohne chinesische Aufpasser informieren konnte, muß dem Dalai zustimmen, der im vorliegenden Buch schreibt: „Heute ist das Überleben unseres Volkes, unserer Religion, unserer Kultur und unseres Landes wie nie zuvor bedroht.“ Der Dalai Lama ist darüber informiert, daß China mit mehreren Industriestaaten über Atommüll-Lagerung in Tibet verhandelt. Wir werden auch noch zu Komplizen der chinesischen Unterdrückungspolitik und der ökologischen Zerstörung Tibets.

„Tibet – ein vergewaltigtes Land“ ist ein Dokument des gewaltlosen Widerstandes. Vietnam hat dem US-Imperialismus mit Waffen widerstanden, Afghanistan ebenso dem Imperialismus der Sowjetunion. Doch der Dalai Lama setzt nach wie vor auf gewaltfreie Politik und fragt zu Recht: „Sind Vietnam und Afghanistan wirklich frei?“ Er macht deutlich, daß das „Modell Tibet“ der Welt langfristig den Erfolg einer ganz anderen Politik, einer Politik ohne Gewalt zeigen will. In einer aufsehenerregenden Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg hat er seinen politischen Realismus und seine pragmatische Politik unter Beweis gestellt: China könne künftig außenpolitisch Tibet mitvertreten, wenn sein Volk religiös und kulturell autonom würde. Hier wird eine friedliche Lösung aufgezeigt, die Tibets und Chinas Interesse berücksichtigt.

Tibet ist das größte Land, das nach 1945 seine Souveränität verloren hat. Ausgerechnet durch ein kommunistisches Land, das verbal einen antikolonialistischen Kampf führte. Es hängt auch mit der journalistischen Ethik zusammen, daß dieses Thema kein Thema war und ist. Warum nur ist uns der gewaltsame Widerstand immer so viel wichtiger als der gewaltfreie? Viele Deutsche haben ein verklärt-verkitschtes Tibet-Bild. Um so wichtiger ist ein realistisches Dokument über das vergewaltigte Tibet, das jetzt von kompetenten Tibet-Kennern und Tibetern vorliegt. Die Tibeter haben das Recht auf Selbstbestimmung ebenso wie Vietnamesen, Afghanen oder Deutsche.

  • Petra K. Kelly/Gert Bastian (Hrsg.):